Philippe Jordan, in Graz mit seinen 27 Jahren der jüngste Generalmusikdirektor Europas, dirigiert am Sonntag in Berlin eine neue "Bohème". Ein Plausch über seinen Förderer Daniel Barenboim und den Ensemblegeist an Opernhäusern.
STANDARD-Mitarbeiter Lorenz Temerius

Berlin - Kein vitales Junggenie, das den Marschall- und Dirigentenstab aus dem Tornister holt. Kein erwachsen gewordenes Wunderkind, das da die Staatskapelle herrisch und verführerisch befehligt. Philippe Jordan, der Unter den Linden die Bohème-Neuinszenierung der Australierin Lindy Hume einstudiert hat, ist ein leiser Zeitgenosse. Und ob er nun in Graz mit seinen gerade 27 Jahren der jüngste Generalmusikdirektor Europas ist, ist ihm herzlich egal.

Philippe Jordan ist offen, aber zurückhaltend, bescheiden, aber auf ruhige Art seiner Begabungen gewiss. Und er ist vorzüglich auf eine Laufbahn vorbereitet, die durchaus das Zeug zur großen Karriere hat. In Zürich als Sohn des Dirigenten Armin Jordan und einer irischen, in Österreich geborenen Tänzerin groß geworden, lag für ihn Musik in der privaten Luft. Mit sechs Klavier, mit neun Geige, mit elf die Neigung zum Dirigieren - "ganz ohne irgendwelche Führungsbedürfnisse".

Dazu noch bei den Zürcher Sängerknaben mit einem Debüt auf der Bühne als erster Zauberflöten-Knabe im Harnoncourt/Ponelleschen Mozartzyklus. Der Vater nimmt ihn mit nach Aix-en-Provence, man lässt ihn bei den Festspielen als Korrepetitor Praxis schnuppern. Er fängt Feuer, die anderen lernen ihn schnell schätzen.

"Es lief sehr gut", sagt er bescheiden, und brachte ihn schnell weiter: Mit 18 ist er in Paris bei Adolf Dresens Rosenkavalier mit Felicity Lott und Kurt Rydl dabei, dann dort Assistent von Jeffrey Tate, der dort den Ring macht. Er wird Korrepetitor, dann 1. Kapellmeister in Ulm, und dann nimmt ihn Daniel Barenboim als persönlichen Assistenten und Ersten Kapellmeister an die Staatsoper Unter den Linden.

Fordern und Fördern

Und das ist sein Glücksfall, denn Barenboim ist "wie sonst keiner an den großen Opernhäusern von Rang ein Mann, der sich um die Jugend kümmert, sie fordert und fördert". Ja, herausfordert. Denn die Einstudierung und Premiere von Darius Milhauds Christoph Columbus liegt plötzlich in seinen Händen.

Die Zusammenarbeit bringt viel, begeistert ihn: "Er schafft eine vertraute, familiäre Atmosphäre für die jungen Sänger. Er weiß, was ein Stück zu sagen hat, kann dessen musikalische Sprache gut nahe bringen, gibt Rat, Hilfe, Erklärung und Klärung, ohne aber den jungen Dirigenten zu irgendetwas zu zwingen. Die künstlerische Entscheidung überlässt er dann uns. Der hat mir sehr viel beigebracht."

Und von dem jungen Mozart-Ensemble, das da Unter den Linden unter Barenboim und mit ihm entstanden ist, profitiert er jetzt auch bei La Bohème. "Das ist ja ein Stück unter jungen Leuten, und wir kennen uns fast alle aus gemeinsamer Arbeit. So entsteht ein herrliches Klima für das, was Oper so spannend macht, das Gesamtkunstwerk aus Theater, Text und Musik. Das Ensemblestück Bohème wird wirklich eine Ensemblearbeit und eine Ensembleleistung. Und das begeistert mich."

Das hat ihn jetzt mit mehr Entscheidungsmöglichkeiten für die Ensemblebildung nach Graz gezogen. Mit allen Lockungen des gemeinsamen Anfangs in der Direktion: mit Karin Stone als neuer Intendantin, mit Matthias Fontheim als neuem Schauspieldirektor und ihm als Generalmusikdirektor:

"Angst habe ich davor absolut nicht, denn wir sind alle miteinander offen, wollen dasselbe, wollen gutes Theater, gute Oper, gutes Konzertleben." Mit dem Konzertrepertoire fängt Jordan ganz unschuldig an: Denn "Da ist alles neu für mich! Ich muss mir erst ein Repertoire erarbeiten: mit Beethoven, Brahms, Schumann und der aktuellen Moderne. Da bin ich sehr vorsichtig, denn ich möchte nicht irgendwelchen modernen Müll aufführen."

Wenn man so jung ist wie er, ist das natürlich die Zeit der Debüts: Nach Paris, Dublin, Rom und Brüssel stehen jetzt wichtige Erstauftritte an: Samson und Dalila an der Houston-Opera in Texas, im Sommer das Glyndebourne-Festival mit Anne Sofie von Otter als Carmen und nächsten Winter Die Fledermaus an der Metropolitan Opera in New York. Im Gepäck viel Elan, aber keine Profilierungswut.
(DER STANDARD Print, Sa./So., 15.12.2001)