Schon merkwürdig, was Politiker in den Medien diese Tage bezüglich BSE-Tests so alles von sich geben: "Die flächendeckenden BSE-Tests sind Garantie dafür, dass nur einwandfreies Rindfleisch auf den Markt kommt", wird etwa NÖ-Landesrat Josef Plank zitiert; "Österreichisches Rindfleisch ist sicher", sagt Kanzler Schüssel; und Gesundheitsminister Herbert Haupt soll laut Agenturberichten Gleich- lautendes sogar damit begründet haben, dass in Österreich alle Rinder auf BSE getestet würden.Ungetestet am Küchentisch Solche Aussagen können nur verwundern, sind BSE-Tests in Österreich bekanntlich nur für Rinder ab einem Schlachtalter von 30 Monaten verpflichtend. Und diese älteren Tiere machen nur einen Bruchteil der insgesamt geschlachteten aus. Die meisten werden möglichst rasch gemästet und erleben ihren zweiten Geburtstag nicht. Getestet werden dagegen großteils Milchkühe, die am Ende ihrer Milchproduktivität im Alter von mehreren Jahren auf den Schlachthof kommen. In EU-Ländern liegt der Anteil von Rindern über 30 Monaten am gesamten Schlachtrindbestand jedenfalls weit unter 50 Prozent. Die meisten Rinder landen daher ungetestet am Küchentisch. Gefährliches Material Es gibt zwei Gründe, warum man nicht alle Schlachtrinder auf BSE untersucht: Erstens sind die angewandten Schnelltests teuer und zweitens unempfindlich. Zwischen der Infektion einer Kuh mit BSE und dem Auftreten von Symptomen vergehen normalerweise ca. fünf Jahre. Während dieser Zeit "enthält" die Kuh den Krankheitserreger in zunehmenden Mengen. Die üblichen Schnelltests können BSE aber erst im fortgeschrittenen Krankheitsstadium nachweisen. Eine als "BSE-negativ" getestete Kuh ist allgemein nicht als "BSE-frei" zu bezeichnen. Beim ersten japanischen BSE-Fall hat man zum Beispiel mit einem üblichen Schnelltest ein BSE-negatives Ergebnis erhalten, obwohl die betroffene Kuh bereits die Bewegungsstörungen der späten Krankheitsphase aufwies. Lang zurück liegende Kontaminierung Trotzdem ist es wichtig, besonders die älteren Rinder zu testen, da jüngere infizierte Tiere weniger Krankheitserreger enthalten und daher die Konsumenten vermutlich weniger gefährden. Allerdings weiß man nicht, ab welcher Mindestdosis BSE im Menschen ausgelöst werden kann. Das jüngste bekannte BSE-Rind war nur 20 Monate alt (in Japan testet man daher jetzt alle Schlachtrinder auf BSE), das erste offizielle BSE-Rind in Österreich dagegen fünf Jahre und acht Monate. Was bedeutet das für die heimischen Konsumenten? Falls die betroffenen Kuh vor ca. fünf Jahren angesteckt wurde, könnten etwa im Jahr 1996 kontaminierte Futtermittel in Österreich vorhanden gewesen sein. Rinder dieser "Futtermittelgeneration" wurden ab ca. 1998 verspeist. Bei "BSE im Menschen" vergehen zwischen Infektion und Ausbruch der Krankheit ebenfalls Jahre - vermutlich mindestens fünf. EU um generelles Verbot bemüht Problematisch ist vor allem, dass die Ende der 90er-Jahre geschlachteten Rinder mitsamt der besonders gefährlichen Risikoteile verspeist wurden. Dieses Risikomaterial - besonders infektiös sind Gehirn und Rückenmark - durfte in Österreich bis 1. Oktober 2000 in verschiedensten Produkten verwendet werden. Seitens der Europäischen Kommission bemühte man sich schon seit 1996 darum, dieses gefährliche Material generell zu verbieten. Allerdings wurden die ab 1997 von der Kommission eingebrachten Vorschläge für ein generelles Verbot im Rat der EU von den Ministern der Mitgliedsstaaten unter österreichischer Mithilfe immer wieder niedergestimmt. Fahrlässiges Handeln Als ich mich bei den zuständigen Ministerien nach den Gründen für dieses Stimmverhalten erkundigte, antwortete mir Peter Weber, Leiter der Veterinärverwaltung im Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen, am 28. 3. 01 stellvertretend für Gesundheitsminister Haupt wie folgt: "Bei BSE handelt es sich um eine Erkrankung von Rindern, die dort zu bekämpfen ist, wo sie auftritt, und nicht um ein Risiko, welches ubiquitär (überall verbreitet) vorkommt. Das Abstimmungsverhalten Österreichs ging immer von dieser Überlegung aus." Norbert Ratheiser, Abteilungsleiter im Landwirtschaftsministerium, schrieb mir stellvertretend für Minister Molterer am 6. 4. 01 zu diesem Thema: "Österreich hat bei allen Abstimmungen gegen den Vorschlag der Kommission gestimmt . . . Es war nicht einzusehen, dass alle Staaten - völlig unabhängig von der Häufigkeit des Auftretens der BSE - gleich behandelt werden sollten." - Im Vergleich dazu klingt es seltsam, wenn Molterer jetzt verlauten lässt, man habe damit gerechnet, dass "hie und da ein Fall auftreten" werde. Fehlender politischer Wille Ich bleibe jedenfalls bei meinem schon einmal öffentlich erhobenen Vorwurf (siehe unten stehenden Buchhinweis), dass die Verzögerung der Einführung des Verbotes von Risikomaterial durch die Minister bestimmter EU-Mitgliedsstaaten eine fahrlässige Gefährdung des Lebens und der Gesundheit der europäischen Bevölkerung darstellt, da Experten bereits seit Anfang der 90er-Jahre bekannt war, dass aufgrund der Exporte von Futtermitteln und Lebendrindern aus Großbritannien weit mehr BSE in Europa vorhanden sein musste als offiziell eingestanden. Durch ein generelles Verbot des Risikomateriales hätte man verhindern können, dass Rinderhirn in Ländern wie Deutschland, Spanien, und Italien zum Beispiel in Würsten verwendet wurde, als diese Länder offiziell noch als "BSE-frei" galten. Doch dazu fehlte der politische Wille. Und so wurden diese Produkte noch bis Anfang Oktober vergangenen Jahres durch den freien Warenverkehr in alle EU-Länder verkauft und dort konsumiert . . . (DER STANDARD Print-Ausgabe, 15.12.2001)