Norwich - Die Todesart, ein Autounfall in der Nähe des englischen Ortes Norwich, wo der Allgäuer W. G. Sebald seit Jahrzehnten lebte, könnte aus einer der Geschichten stammen, die ihn (nach Günter Grass) zum berühmtesten deutschen Gegenwartsautor in den USA machten: gewaltsamer Tod. Und Absurdität. Sebald, seit der Jugend ein Extremwanderer, fürchtete: "Im Auto bin ich ein erratischer Block." - Sebald war am Freitag möglicherweise nach einem Herzinfarkt mit einem Lastwagen zusammengestoßen. Seine Tochter Anna als Beifahrerin wurde verletzt.Alles in diesem Schrifstellerleben war anders als die üblichen Karriereinszenierungen: Der 1944 in Wertach geborene W. G. Sebald hat nie von sich geblasen, war nie ein Schoßhund der Mächtigen, lebte zurückgezogen: Er war - in einer Zeit, als die Literaturkritik verbissen "Jugend" forderte - schon vierundvierzig, als er 1988 sein erstes Buch vorlegte, das Langgedicht Nach der Natur, Reflexion und Beschwörung der apokalyptischen Kraft der Gemälde Matthias Grünewalds, eine Klage über "die letzte Spur des aus dem Jenseits/einfallenden Lichts nach der Natur". Nicht mehr lange blieb Sebald ein Geheimtipp: Er, der 1966 als Deutschlektor nach England gekommen war und seit 1988 an der University of East Anglia (Suffolk) europäische Literatur unterrichtete, hatte schon viele faszinierende Aufsätze zum "Unglück" in der österreichischen Literatur (herausragend: Aufsätze zu Gerhard Roths Der Landläufige Tod) geschrieben, übertrug ab 1990 seine Methode des Weiterspinnens von Fakten auf die Erzählform. Damit schuf er eine im deutschen Sprachraum neue Mischung von "Fact" und "Fiction": Erstmals in Schwindel. Gefühle (1990) kombinierte Sebald - wie vor ihm Alexander Kluge - Fakten aus Biografien mit Fotos (Ansichtskarten, Familienfotografien, Fahrpläne, Hotelrechnungen) und machte Abgründe in Lebensläufen sichtbar, in fremden und im eigenen: So bei Stendhal, der - in unglücklichem Liebestaumel - in Syphilis verkam. Oder auch die Beschreibung des eigenen Schwindelgefühls am Existenzabgrund, ausgelöst von einem Wien-Aufenthalt, als der Autor in der Gonzagagasse eine Vision Dantes zu sehen meint und später mit Ernst Herbeck von der Irrenanstalt aus Altersheime besucht. In solche Zentren des Verdrängten (Heime einerseits, Emigration andrerseits), in Zonen der Auslöschung von Erinnerung zog es Sebald, ihn, der nicht akzeptieren wollte, dass die Bundesrepublik auf Verdrängung aufbaute. Deshalb sein Plädoyer für die Abgedrängten, die Ausgewanderten und am Ende ihres Lebens von psychischen Zusammenbrüchen eingeholten Emigranten. Der Erzählzyklus Die Ausgewanderten von 1992 legt solche stillen Katastrophen frei: Selbstmorde von Holocaust-Überlebenden, aber auch die Geschichte der eigenen, in die USA ausgewanderten Verwandtschaft. Die Ausgewanderten wurde - nicht verwunderlich für ein klassisches Einwanderungsland - ein Kultbuch in den USA. In Deutschland hingegen wurde Sebald erst vor einigen Jahren mit seinen Luftkriegs-Thesen (es gebe keine gute Schilderung der Zerstörung deutscher Städte) populär. Wichtiger ist aber, dass er in seiner Literatur eine Sprache fand, die sich nie anbiedert, die sich nicht in Identifikation auflöst. Sondern: Distanz, Analyse, Erinnerung. Er, ein Fremder wie Büchners Lenz, hätte den Büchnerpreis (für den er seit Jahren als Favorit galt) verdient. (DER STANDARD, Printausgabe vom 17.12.2001)