Konservendosen und Kanister aller Art sind derzeit ein begehrtes Gut in Kabul. Kinder sammeln aus dem Müll die Behälter, um sie zu verkaufen. Aus den Dosen werden nämlich Satellitenschüsseln hergestellt - Recycling auf Afghanisch. Die Kesselflicker von Kabul, die vor ihren Buden in der afghanischen Hauptstadt bei offenem Feuer arbeiten, haben binnen weniger Tage ihre Produktion umgestellt. Statt Öfen herzustellen, werden jetzt Dosen in Form gehämmert, damit sie auf die schüsselartigen zusammengeschweißten Gestelle passen.

Die fertigen Schüsseln glitzern in allen Farben: In sattem Blau mit dem Schriftzug "Nivea" glänzt jenes Modell, das sich Nasser Sadid ins Haus geholt hat. Der 30-Jährige hat in den vergangenen Wochen als Dolmetscher gearbeitet und Geld gespart, um sich seinen Traum zu erfüllen: 15 US-Dollar kostet der Empfangsschirm, was einem Durchschnittsgehalt eines Lehrers entspricht. Rund 200 Dollar müssen für ein Fernsehgerät unbekannter Marke ausgelegt werden, das es in Mohammed Fazuls Geschäft zu kaufen gibt. Vor seinem Schaufenster herrscht stets Gedränge, die Menschen drücken sich die Nasen platt: Der Besitzer hat neben den Geräten die Hüllen von Videos in die Auslage gestellt. Verkaufsschlager sind die Kung-Fu-Filme.

Sechs Jahre lang war Fernsehen verboten. "Während der Taliban-Zeit haben wir allerdings auch Geräte verkauft, aber nur kleine, die man gut verstecken konnte. Und das Geschäft haben wir im Keller abgewickelt", erzählt Fazul.

Schöne neue Welt

Auch wenn es wieder erlaubt ist, Filme anzusehen, können sich nur diejenigen, die für Ausländer arbeiten, die schöne neue Fernsehwelt leisten. Um zumindest einmal einen Streifen zu sehen, stellen sich viele vor dem "Cinema-Park" an. Hier gibt es die zweitgrößte Schlange in der Stadt nach der UN-Ausgabestelle für Hilfslieferungen. Zwei Soldaten der Nordallianz versuchen, halbwegs Ordnung zu halten, aber es wird gedrängt und geschubst, um einen der 80 Plätze im Kino zu bekommen. Seit zehn Tagen läuft mehrmals am Tag der indische Liebesfilm "Khada Jowah" (Gott spricht).

Der Dolmetsch Sadid hat sein eigenes Lichtspieltheater aufgebaut: Jeden Abend, wenn es dunkel wird und für einige Stunden Strom zur Verfügung steht, sammeln sich in seinem kleinen Zimmer Dutzende Afghanen. Dann wird durch alle verfügbaren Fernsehkanäle gezappt, bis es wieder keine Elektrizität gibt oder die Sperrstunde um 22 Uhr naht.

Spätestens dann enden alle öffentlichen Vergnügungen. Denn wie die Taliban kennt auch hier die Nordallianz keinen Spaß: Wer sich nach dieser Zeit auf der Straße bewegt, läuft Gefahr, ohne Vorwarnung von den partrouillierenden Soldaten einen Schuss abzubekommen. Der "Cinema-Park" lädt deshalb auch täglich um 18 Uhr zu seiner letzten Vorstellung.

(DER STANDARD, Printausgabe, 17.12.2001)