Mit dem Gottesgeschenk Gert Voss in der Hauptrolle lässt Peter Zadeks Burg-Inszenierung des "Juden von Malta" insgesamt viele Fragen und Wünsche offen: Was ist es, was ein Opfer zum rasenden Täter macht? Hierüber schweigt sich ein langer Abend aus.
Von Ronald Pohl

Wien - Die Frage, was den obszönen Balladendramatiker Christopher Marlowe zur Erfindung des beispiellos gottlosen Berufsterroristen Barabas bewogen haben mag, ist die erhobenen Hauptes gestellte Frage nach Gott: in einen leer geräumten, schwarz geträumten Himmel von Barabas, dem Täter-Opfer, hinaufgeraunt und wüst gezetert.

Dort droben müssen wahre Engelschöre hausen, die sich am Judenleid weiden, sich an den entzündeten Scheiterhaufen erwärmen, das Leid der Enteignung besingen wie einen schwarzen Schöpfungsakt. Wer sich wider die Ordnung dieser Welt empört, muss sie daher dort zu packen versuchen, wo sie am zweckmäßigsten eingerichtet ist.

Der Jude Barabas unterhält auf dem Standort Malta, wo sich die Einwohner mit den brandschatzenden Türken über ausstehende Tribute wie über Börsenkurse unterhalten, die heimliche Gewaltzentrale. Er tauscht Güter mit Gewinn und besingt den Mehrwert, als wäre es ein poetischer Gegenstand: Barabas, der gewiefte Ökonom, zieht Gold und Edelsteine dem abgegriffenen Münzgeld jeder Zeit vor. Das Burgtheater funkelt, aber es ist auch schöpfungsschwarz und begründungsleer.

Gert Voss, den Hut des geborenen Schaustellers auf dem gut aufgelegten Kopf, die "R"s gemütvoll aus dem Rachen ziehend, erklärt dem Publikum den Geschäftsgang: ein gefinkelter, gut eingefädelter Geld-Crash-Kurs, von ihm jeder Zeit koscher und augenzwinkernd schwindelfrei über den Schöpfungsabgrund hinweggetänzelt.

Voss, dieses glitzernde Geschenk an Peter Zadek und das Wiener Burgtheater, war zu Anfang auf seinem Geldsack bauchig feist gesessen, das Gesicht hinter einer Judenmaske versteckt, während das "Harry Lime"-Thema erklang und eine Anzahl von Jidn vor dem Portal in seliger Untätigkeit, in Zeitungen vertieft, gehockt war.

Regisseur Zadek lässt sich keine Sekunde lang auf Erörterungen des Antisemitismus ein: Wer friedlich argumentiert, mit "Hm" und "Ja", der ist von allem Anfang an Zweiter. Nur wer sich die Last der Täterschaft sehenden Auges aufbürdet, genießt das Privileg des Schöpfertums.

Terroristen-Gala

Und während der Chanukkaleuchter auf Wilfried Minks' kahler Bühne achtarmig kerzenfunkelt, schmeißt Voss die große Gala, komplett mit Hänger und Humor. Er gießt wahre Sprachsturzbäche aus, der ihm aus dem Mund kullernden Kleinodien nicht achtend, und stellt mit Strichbrauen und ledernen Backen den Traum vom Schuhpastenneger gleich mit nach. Dieser Barabas überzieht fröhlich manisch sein Konto.

Nur haben Zadek die dünnen Fädchen, an denen Überleben und Wohlergehen gleicherweise hängen, nicht weiter interessiert. Mit Fädenziehen darf man dem großen, alten Mann nicht mehr kommen. Er sieht zu, dass die Gliederpuppen tanzen. Die Juden-Puppe vorne liebt er sogar wie einen fatalen Bruder. Verheddern sich aber unterdessen die anderen, stecken sie fest in Marlowes Lügengarn, haben sie sich in der Wolle, sind sie albern verstrickt, so haben Stück und Aufführung Pech gehabt. Es ziehen die Bauskelette dieser christlich-jüdisch-muslimischen Mischkultur wie Holztotenfinger vorüber.

In den Ruinen aber hockt ein Gespenst namens Desinteresse und reckt sein wüstes Haupt empor: mit Puffmüttern im durchscheinenden Tüll (Christine Kaufmann), Zylinder-Luden mit Entzündung im Schritt (Ignaz Kirchner), Nonnen, die am vom Barabas vergifteten Reisbrei in Kompaniestärke krampfwürgen. Lauter Schundbildchen, mit mürber Geschäftsmäßigkeit zum Gruppentarif verschmockt in Szene gesetzt. So viel Stadttheater war schon lange nicht bei Zadek. Das tut weh.

Denn diesem Juden von Malta widerfährt im Verlauf eines langen Abends viel Unrecht. Er übt als Verstellungskünstler die Kunst der Berechnung, und Voss wechselt die Masken, wie andere Büßer nicht einmal ihr Hemd. Jedoch die Totschläger, Taliban-Krieger, Mönche, Nonnen, die Luden und Hetären haben ausgesprochenes Pech gehabt. Diese Aufführung besitzt einen schmorenden Kern; an den Rändern ist sie kalt und tot und völlig menschenleer. Denn während Voss, von einer kolonialbritischen Diktatoren-Charge (Dietrich Mattausch) eben noch enteignet, ein Stieren bekommt, ein Hasswürgen und Mordio-Zetern, dass er hinter seiner Eleganz wie hinter einem brokatenen Mantel glücksmomentweise verbirgt - eilt Uwe Bohm als Rüpelcharge die Wände nieder. Die Maßverhältnisse stimmen nicht. Malta ist lächerlich. Der Himmel ist leer. Dieser Jude ist nicht zu retten. Er versinkt wie die böse Hexe höhnisch im Kesseldampf. Gemessener, niemals euphorischer Applaus am Ende. (DER STANDARD, Printausgabe vom 17.12.2001)