Es gebe zwar, erklärt Hans Rauscher, neben drei Milliarden Globalisierungsgewinnern zwei Milliarden Globalisierungsverlierer, doch keine sich öffnende Kluft zwischen Nord-Süd, sondern nur eine zwischen Süd und Süd, genauer: zwischen jenen Staaten, die bereitwillig ihre Grenzen für Güter- und Finanzströme öffneten und jenen, die sich trotzig der Globalisierung verschlössen. Allein in diesem Absatz hat Rauscher drei Tatsachen verdreht: Erstens geht die Kluft zwischen Nord und Süd massiv weiter auf (in den Neunzigern wuchs die US-Wirtschaft im Schnitt um vier Prozent, während die Einkommen in 50 armen Ländern schrumpften). Zweitens sind unter den Verlierern im Süden zahlreiche voll globalisierte Länder (43 der 52 Staaten Afrikas sind WTO-Mitglied, ebenso das Armenhaus Haiti oder Muster-Liberalisierer Argentinien). Drittens sind gerade die erfolgreichsten Entwicklungsländer alles andere als globalisiert, speziell das von Rauscher genannte China. China blieb nicht nur bisher dem Freihandel fern (WTO-Beitritt letzte Woche), sondern ist auch finanzpolitisch das am wenigsten globalisierte Land: Ein lückenloses System von Kapitalverkehrskontrollen hat den schlafenden Riesen u. a. gegen die Asienkrise 97/98 immunisiert. Der nunmehrige WTO-Beitritt wird in der Bevölkerung mit "Jetzt kommt der Wolf" begrüßt. Zieht man aber China (kaum globalisiert) und Indien (berühmter "Bremsklotz" in der WTO) von Rauschers Rechnung ab, steht zwei Milliarden Globalisierungsverlierern nur noch eine Milliarde Globalisierungsgewinner gegenüber, und selbst das ist zu optimistisch, weil in vielen "Gewinner"-Ländern zwar die Wirtschaft wächst, gleichzeitig aber die Lohneinkommen schrumpfen, siehe Mexiko. Um die Kritiker dieser Form von Globalisierung zu kriminalisieren, rückt Rauscher sie in das geistige Vorfeld von Osama Bin Laden - und setzt sich damit in ein Boot mit seinen Lieblingsfeinden Jörg Haider (ortete die Terroristen vom 11. September in der "Gewaltszene der Globalisierungsgegner") und Silvio Berlusconi ("merkwürdige Übereinstimmung zwischen Globalisierungsgegnern und islamischen Terroristen"). Ganz abgesehen von dieser absurden Verlinkung: Wir verstehen uns als Globalisierungsgestalter und nicht als "Globalisierungsgegner", wie an dieser Stelle schon mehrfach ausgeführt. Unser Programm ist schlicht: Wir fordern faire Regeln für den Kapitalverkehr (Finanzmärkte) und für den Warenverkehr (Gütermärkte) mit Vorrang für soziale und ökologische Entwicklungsziele. Nicht anders als beim Straßenverkehr, wo Sicherheit Vorrang hat, weil die besonneneren Verkehrsteilnehmer Regeln durchgesetzt haben, während nur motorisierte Anarchisten für völlige Regelfreiheit eintreten und sich dafür als "liberal" gefallen. Also: Attac, die staatstragende NGO - und Hans Rauscher, der liberale Globalisierungsanarchist. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.12.2001)