Kandahar/Washington - Nach Ende der Luftangriffe auf Ziele in Afghanistan haben die USA ihre Suche nach dem mutmaßlichen Terrorchef Osama Bin Laden verstärkt. Kampfhubschrauber überflogen die Berge um Tora Bora auf der Suche nach versprengten Al-Qa'ida-Kämpfern. Von Bin Laden gab es zunächst weiter keine heiße Spur.

Die meisten Kämpfer der Ostallianz haben mittlerweile die ostafghanische Bergregion verlassen. Verbleibende Trup- pen und US-Spezialeinheiten durchsuchen aber weiterhin die Höhlen in dem Bergmassiv.

US-General Peter Pace sagte in Washington, der Erfolg des Feldzugs werde nicht mehr an eingenommenem Territorium oder abgeworfenen Bomben gemessen. Stattdessen gehe es jetzt um eine Menschenjagd, "Schritt für Schritt, Höhle für Höhle", um Bin Laden und dessen Helfer zu finden.

Beim Transport von Kriegsgefangenen aus Afghanistan nach Pakistan gelang Dutzenden Personen die Flucht. Mindestens sieben Al-Qa'ida-Kämpfer und acht pakistanische Soldaten und Paramilitärs wurden bei einer Schießerei getötet. Die Nachrichtenagentur AIP berichtete von zehn Toten. In Kandahar halten die US-Streitkräfte 15 Taliban- und Al-Qa'ida-Mitglieder fest, die dort wegen der Terroranschläge vom 11. September verhört werden sollen.

Der Führer der Interimsregierung, Hamid Karsai, sagte, er würde Bin Laden im Falle einer Ergreifung der internationalen Justiz überstellen. In Afghanistan sei kein Platz für Terroristen. "Sie haben unsere Leute getötet, sie haben das Land zerstört. Wir werden ihnen ein Ende machen", sagte Karsai während eines Besuchs in Rom, wo er den früheren afghanischen König Zahir Shah getroffen hatte. Die Afghanen seien heute "ein geschlossenes Volk".

Der UN-Sicherheitsrat wird möglicherweise am Donnerstag über die Entsendung einer internationalen UNO-Schutztruppe für Afghanistan abstimmen. Wie aus Diplomatenkreisen in New York verlautete, einigten sich die fünf ständigen Ratsmitglieder darauf, der UNO-Truppe das Recht auf Anwendung militärischer Gewalt einzuräumen. Das Mandat der Truppe solle zunächst für sechs Monate gelten. Der Einsatz soll unter britischem Oberbefehl stehen.

Die britische Regierung kündigte die Entsendung eines Vorauskommandos von 200 Marineinfanteristen an. Die Soldaten sollen bis Samstag, dem Amtsantritt der Interimsregierung, in Kabul eintreffen. London will 1500 der voraussichtlich insgesamt 3000 bis 5000 UNO-Soldaten stellen. (AP, dpa, DER STANDARD, Print vom 20.12.2001)