Paris/Wien - Er begann in den 40er-Jahren in Paris als Bar-und Bistro-Pianist, um danach von Edith Piaf entdeckt zu werden. Allein, wer später einem Konzert von Gilbert Bécaud beiwohnte, konnte sich nur schwer vorstellen, dass sein exaltierter Bühnenstil einst in winzigen Lokalen als atmosphärische "Drinkbeilage" durchgegangen wäre.Bécaud, 1927 im südfranzösischen Toulon geboren und eigentlich Fran¸cois Gilbert Silly, war doch eher ein Gourmand der großen Gesten, der reichlich Bühnenplatz brauchte. Er trat immer mit dunkelblauem Anzug und getupfter Krawatte an, und die Bühnenkleidung war auch seine Alltagskleidung. Indes, diese Konventionalität war ein bisschen Showkonzept. Schließlich präsentierte sich Bécaud gerne als Biedermann, der mit einer Prise Verzweiflung singend noch etwas von jener Freiheit zu erhaschen suchte, die seine Büroträume bevölkerte. Es waren harmlose kleine Grenzsituationen, die er schildernd durchlebte. Und sie hatten auch keine Konsequenzen. Ging ein Lied zu Ende, war auch schon der Moment gekommen, in juveniler Unschuldspose das Publikum um Verzeihung zu bitten. Es war ein plakatives, aber effektvolles Theater als Kurzurlaub vom "Spießertum", das man zu sehen bekam. Zusammengehalten wurde es durch eine resch-heisere Stimme und eine Menge Lieder, die sehr nahe am Schlager tanzten. Ein bisschen litt Bécaud natürlich auch darunter, immer mit denselben Chansons assoziiert zu werden. Er schrieb 400 Miniaturen, eine Oper (Opéra d'Aran) und für Barbra Streisand ein Musical. Aber L'Important c'est la rose, Et maintenant oder Nathalie waren ein bisschen sein Konzertschicksal. Bécaud, der in den letzten Jahren auf einer Yacht in Paris lebte, beklagte es mitunter. Becaud, der durch Jacques Pills animiert wurde, sich als Interpret zu präsentieren, hat mit Et maintenant immerhin so auch den amerikanischen Markt bezirzt. Der Song wurde in der englischen Version What Now My Love auch von Sinatra und Streisand interpretiert. Umstritten war in Frankreich hingegen das Lied Tu le regretteras, das Bécaud 1965 zu Ehren von Staatschef Charles de Gaulle sang. Becaud hatte sich mehrfach von der Bühne verabschiedet, um dann doch zurückzukehren. Zu seinem 70er beschenkte er sich 1997 selbst mit einem Auftritt in der Pariser Olympiahalle, wo er seine ersten Erfolge gefeiert hatte. Damals litt Gilbert Bécaud bereits an einer Krebserkrankung der Mundhöhle; er ist am Dienstag 74-jährig seinem schweren Leiden erlegen. (Ljubisa Tosic - DER STANDARD, Print, 19. 12. 2001)