Nach dem Erdrutschsieg der oppositionellen rechtsliberalen Sozialdemokraten (PSD) bei den Kommunalwahlen vom Sonntag und dem überraschenden Rücktritt des sozialistischen Regierungschefs António Guterres ist Portugal in ein politisches Vakuum geraten. Guterres stellte am Dienstagabend auch sein Amt als Chef der Sozialistischen Partei (PS) zur Verfügung, was Gerüchte und Spekulationen um seine Nachfolge anheizte.

Klarheit über die Lösung dieser politischen Krise dürfte es erst nach Weihnachten geben. Bis dahin wird Staatspräsident Jorge Sampaio die Parlamentsparteien und danach den Staatsrat (eine Art Ältestenrat) zu den verschiedenen Möglichkeiten - vorgezogene Parlamentswahlen oder Ernennung eines Übergangspremiers - befragen. Allgemein wird aber erwartet, dass Sampaio in den nächsten Tagen das Parlament auflösen und für Ende Februar oder anfang März Neuwahlen ansetzt.


Alte Richtungskämpfe

Bei den rechtsliberalen Sozialdemokraten (PSD), die von ihrem Erdrutschsieg selbst überrumpelt wurden, sieht der bisher intern stets umstrittene Parteichef José Manuel Durão Barroso endlich seine Chance gekommen, Premier zu werden. Beim PS dagegen lässt die Suche nach einem Guterres-Nachfolger die Richtungskämpfe wieder aufleben, die im Gefolge der sozialistischen Regierungsübernahme 1995 unterdrückt worden waren. Beste Chancen, um der desorientierten Partei zu neuer Glaubwürdigkeit zu verhelfen, werden derzeit dem 45-jährigen EU-Kommissar António Vitorino eingeräumt. Er ist der Einzige aus dem engeren Kreis der bisherigen Führung, der den langsamen Niedergang des Guterrismus relativ unbeschädigt überstanden hat. Als zweite Wahl gelten Infrastrukturminister Ferro Rodrigues (52) und der erfahrene, aber etwas trockene Außenminister Jaime Gama (53). (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 20.12.2001)