Krems/Wien - Knalleffekt in den Ermittlungen um den ersten österreichischen BSE-Fall: Der Besitzer jenes Schlachthofs in Martinsberg (Bezirk Zwettl), in dem die BSE-Kuh "Lama" getötet worden war, wurde am Mittwoch verhaftet. Willibald R. steht unter dem Verdacht des gewerbsmäßigen Betrugs. Das teilte Hans Pollak, der Präsident des Landesgerichtes Krems, dem STANDARD mit. Haftgrund sei Verdunkelungs- und Wiederholungsgefahr.Obwohl der zuständige Beschautierarzt in Martinsberg am Wochenende schwere Vorwürfe gegen R. erhoben hatte, stehe dessen Verhaftung nicht in direktem kausalen Zusammenhang mit dem Rinderwahn-Fall, erklärte der Präsident. "Der Mann ist sozusagen kein BSE-Täter." Es gehe vielmehr um Wirtschaftsdelikte. Über die Verhängung der Untersuchungshaft soll voraussichtlich heute, Donnerstag, entschieden werden. Dem Vernehmen nach werden R. Zollvergehen vorgeworfen. Beim Im- und Export von Fleischwaren soll es zu massiven Unregelmäßigkeiten gekommen sein. Es sollen unter anderem in Österreich Rinder angekauft und nach Tschechien exportiert worden sein. Dafür sollen Exportstützungen der EU kassiert worden sein. Von Tschechien aus - dort soll R. an einem Schlachtbetrieb beteiligt sein - soll wiederum Fleisch nach Österreich importiert und in Umlauf gebracht worden sein. Kuh aus Tschechien? Für die Ermittler ist es trotz DNA-Gutachten immer noch vorstellbar, dass die BSE-Kuh aus Tschechien nach Österreich gekommen sein könnte. Die in Österreich durchgeführten Genanalysen hatten jedoch angeblich "zweifelsfrei" ergeben, dass die infizierte Kuh die Mutter eines Kalbes aus dem Stall des Groß-Höbartener Landwirts Johann Katzenschlager sei. Nun soll die Herkunft des Tieres noch einmal gründlich überprüft werden. Material für weitere Gentests ist vorhanden: "Von der BSE-Kuh sind vor der Vernichtung von einem Zwettler Privatgutachter noch Proben genommen worden. Auch der Kopf des Kalbes wurde aufgehoben", erläutert Niederösterreichs Landesveterinärdirektor Franz Karner. Zur Festnahme des Schlachthofbesitzers sagte Karner, im Zuge der "notwendigen Erstmaßnahmen" nach dem BSE-Verdacht sei "die Staatsanwalt eben auf andere Machenschaften gestoßen". Über tschechische Firmenbeteiligungen des Mannes wisse er nichts. Sollte im vorliegenden Fall jedoch Fleisch aus einem Drittland eine Rolle spielen, "ist das keine Sache für uns, sondern für die Lebensmittelbehörden". Ratlosigkeit herrschte indes auf dem Hof des angeblichen BSE-Bauern. In der Nacht zum Montag waren alle 61 Rinder getötet worden. "Jetzt kann man eh nix mehr ändern", reagierte Altbäuerin Maria Katzenschlager. Von etwaigen illegalen Geschäften des Schlachthofinhabers habe sie "ka Ahnung". Außerdem: "Dass wir unsere Viecher dorthin gegeben haben, war eine Ausnahme." Der übliche Schlachthof in Vitis sei überlastet gewesen. Mittwochnachmittag meldete sich dann Gesundheitsminister Herbert Haupt (FPÖ) zu Wort: Die Verhaftung des Schlachthofbesitzers sei "nur die Spitze des Eisbergs". Politische Konsequenzen seien aber erst in Betracht zu ziehen, "nachdem der Fall strafrechtlich geklärt ist". (bri, chr/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.12.2001)