Heikel, ja fragil ist die Sangeskunst! Da sich der Ton aus dem ganzen Körper herausbildet, ist die Tagesform des Interpreten doch sehr abhängig von seiner psychophysischen Befindlichkeit, die ja pausenlos Schwankungen unterworfen ist. Wie das Leben eben. Was Wunder, dass Operndirektoren zittern, dass kostbare Kehlchen Unpässlichkeit befällt, und sie entweder absagen (unangenehm, aber bewältigbar) oder mitten in der Vorstellung abgehen (der Supergau!). Welch großen Vorteil hingegen hätten jene Sänger anzubieten, deren Innenleben in der Hauptsache aus Stoff und Batterien besteht und deren seelische und sonstige Probleme sich also auf ein vernachlässigbares Minimum reduzieren.Sofern mit dem richtigen Antrieb ausgestattet, werden sie auf Knopf- oder Pfotendruck zu verlässlichen Belcantisten ohne Intonationsproblem. Seltsam, dass deren Einsatz bis dato in der Musikwelt ein Tabu darstellt und der Crossover von der Spielzeug- zur Bühnenwelt nicht gelingen will. Natürlich mag das auch mit dem Repertoire zusammenhängen, das die batteriebetriebenen Sänger aufzubieten haben. Entweder weihnachtet es in ihren Kehlen sehr, oder aber: Es ist alles Rock 'n' Roll! An der Körpersprache jedoch kann es nicht liegen. Da wären unsere Probanden, die wir hier einem gnadenlosen Test unterzogen haben, zweifellos imstande, jede normale Repertoirevorstellung voll der stereotypen Gesten (geweitete Arme für Liebeswerben, der Griff aufs Herz für Liebesschmerz und einfaches Umfallen bei simuliertem Ableben) mit neuen Facetten zu bereichern. Besonders das rosa Schweinchen mit dem Violinschlüssel am Nabel (ja, dort muss man drückend das Lied bestellen!) ist ein Virtuose des Umfallens. Denn: Balance ist Glückssache, auch wenn das Tierchen auf seinem Gesäß sitzt. Das ist natürlich insofern ein Problem, als das Tierchen als tanzbeinbeflügelnder Anheizer fungieren will und zu stampfenden Techno-Rhythmen mit einem kindlichen "Dance up and down - come on!" zu bezirzen versucht. Das Umfallen kann natürlich einem für die Wand vorgesehenen Hirschen nicht passieren. Seine Fixierung auf eine Position, aus der es kein Entrinnen gibt, kompensiert dieser Sänger mit einer Körpersprache, die von beträchtlichem Charme ist: Augen und Geweih vollführen einen Pas de deux, fein koordiniert, und ergänzen die Bewegungen des Mauls auf das Eleganteste. Ein großer Sympathieträger, allerdings ist sein Repertoire etwas klein, schlecht gewählt und sehr fragmentarisch gehalten. "Proud Mary" von Ike & Tina Turner und "Stand By Me" werden nur kurz angespielt. Gut: So man dem Hirschen ins Auge blickt, kann man ihm "Stand By Me" einigermaßen glauben, dieses Tier hat nur ein kleines Authentizitätsproblem. Dies scheint - so ergab unser Test - bei anderen Wandsängern größer zu sein. Der Fisch, der auch "Stand By Me" anstimmt, ist ein heiterer Schwanzflossen-Fred-Astaire. Aber der gestische Überraschungskunstgriff - plötzliches Drehen des Kopfes zum Zwecke des Augenkontakts - entlarvt den Fisch als unfreundlich. Der Rutsch-mir-die-Flosse-runter-Blick lässt auf schwere Unlustgefühle seitens des Interpreten schließen und trügt den Eindruck der Performance. Da helfen auch die Mick-Jagger-Lippen nicht: Hier wäre ein Heuchelkurs angebracht, der - wenn wir schon dabei sind - auch der Ente nicht schaden könnte. Sie singt das selbe Repertoire, dreht den Kopf ebenso keck zu uns, vermag uns aber von der Ernsthaftigkeit der Aufforderung "Stand By Me!" nicht zu überzeugen. Die Wandtierchen könnten vom Weihnachtsmann lernen! Er lacht sich mit geschlossenen Augen krumm und schafft es dabei, mit den Mitteln des Rock 'n' Roll auf die stillste Zeit des Jahres einzustimmen. Da er auf einem Podest steht, kann seine Beinarbeit Elvis nicht vergessen machen. Aber der dynamische Oberkörper-Armruder-Stil verschmilzt mit dem wilden Gesang zu einer würdigen Reverenz an die Urphase der rockigen Schmalztollen! Das wär' der Sieger, wäre nicht am Ende noch das flauschige Elchlein mit dem unschuldigen Blick dahergekommen. Mit seinem roten Näschen und fast 20 Liedern, die mit instrumentalem Bontempi-Orgel-Charme unser Herz eroberten. Hätten wir es nur früher kennengelernt! Unsere Kindheit wäre weniger tragisch verlaufen! Gestik, Mimik und Klang werde hier zu einem Gesamtkunstwerk, das man kaufen muss. Prädikat süß!