Buenos Aires/Montevideo - Die argentinische Regierung gerät angesichts der Rebellion gegen ihre Sparpolitik zunehmend in Bedrängnis. In der Nacht zum Donnerstag reichte der umstrittene Wirtschaftsminister Domingo Cavallo seinen Rücktritt ein. Auch die übrigen Minister stellten ihr Amt zur Verfügung. Die Polizei löste zeitgleich eine spontane Protestkundgebung vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires gewaltsam auf.Zehntausende hatten mit Töpfen, Pfiffen und Nationalflaggen friedlich ihrem Unmut über die Regierung Luft gemacht. Einige Randalierer lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei und setzten das Wirtschaftsministerium in Brand. Die Demonstranten hatten dem Ausnahmezustand getrotzt, der ab Mitternacht im ganzen Land galt. Präsident Fernando de la Rúa reagierte damit auf die Straßenschlachten und Supermarkt-Plünderungen, bei denen seit Dienstag insgesamt fünf Menschen ums Leben gekommen sind. Seit dem Morgengrauen hatten aufgebrachte Menschen vor allem im Armengürtel um die Hauptstadt Buenos Aires von der Regierung Brot verlangt und Gemischtwarenläden gestürmt. Die großen Supermärkte, die zuletzt bei der Wirtschaftskrise 1989 Ziel hungernder Menschen waren, haben sich seither mit bewaffneten Wachen vor derartigen Vorfällen geschützt. Einige Ketten beschlossen angesichts eines drohenden Blutbads dennoch, den Demonstranten Waren auszuhändigen. De la Rúa verkündete nach einer Krisensitzung die Verteilung von Lebensmittelpaketen. Er machte "politische Aufrührer" für die Zwischenfälle verantwortlich, seine Kritiker sehen den Grund in der "Unfähigkeit der Regierung". Beide Sichtweisen seien einseitig, führte seinerseits der Soziologe Atilio Boron in einem TV-Interview an. Erinnerung an Menem Vielmehr sei das neoliberale Wirtschaftsmodell in Argentinien an seine Grenzen gestoßen. Erinnerungen an de la Rúas Parteigenossen und Vorgänger im Präsidentenamt, Raúl Alfonsín, kamen auf: Er hatte sein Amt 1989 nach Plünderungen und inmitten einer Hyperinflation vorzeitig an Carlos Menem übergeben. Menem setzte in seiner ersten Amtszeit die Vorgaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) mustergültig um. In seiner zweiten griffen Korruption und Vetternwirtschaft um sich - nicht zuletzt, weil Menem sich eine dritte Amtszeit erkaufen wollte. Jetzt scheint die Zahlungsunfähigkeit des Landes nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Ende Dezember stehen dem mit 132 Milliarden Dollar verschuldeten Staat erneut Zinszahlungen ins Haus. Vor einer Woche hatte die Regierung nur durch Zwangsanleihen bei den Pensionskassen ihre Schulden begleichen können. (DER STANDARD, Print, 21.12.2001)