Richard Reichensperger

Paris - In einer Pariser Klinik ist der Lyriker und langjährige Präsident des Senegal, Léopold Sédar Senghor, im 97. Lebensjahr an Herzschwäche gestorben. Er, aufgewachsen als Sohn aus reichem Hause in Joal (etwa 100 km südlich von Dakar), hatte früh mit einem Stipendium in Paris studiert: Er war der erste Afrikaner, der die französische Lehrbefugnis erhielt (1933), und spät auch der erste Afrikaner in der Académie Fran¸caise (1984). Daneben war Senghor, verheiratet mit einer normannischen Adeligen, auch noch zwanzig Jahre lang Staatspräsident des Senegal (1960-1980). Wie kam es dazu, und wie ließ sich all dies vereinbaren?

Die Kolonialmacht Frankreich hatte versucht, die Intelligenz der besetzten Länder in Afrika und auf den Antillen durch Stipendien zu "europäisieren". Der Konflikt dieser Studentengeneration um 1930: "Sie hatten viel Latein studiert und begriffen nicht, warum man sie nicht als Menschen wie alle anderen betrachtete." Sie wollten nicht mehr als "unzivilisiert" und auch nicht mehr (wie noch für einige Fauvisten) als exotische "Andersheit" definiert werden, sondern machten ihre Hautfarbe zu einem Kulturwert. Der Begriff dafür ist "négritude", und Léopold Senghor ist dessen Propagator (der Schöpfer des Begriffs ist der große Dichter der Antillen, Aimé Cesaire).

"Négritude" war um 1935 für Senghor die Schaffung eines "schwarzen Menschen" im Rekurs auf europäische Kultur. Das Kämpferische daran wird deutlich in Jean-Paul Sartres Vorwort zu einer von Senghor 1948 herausgegebenen Anthologie afrikanischer Dichtung. Sartre betont in Schwarzer Orpheus das Konstruierte und Unterdrückende an Fremdbildern: "Hier stehen Menschen, die uns anblicken, und ich wünschte, ihr würdet wie ich den Schock empfinden, angeblickt zu werden. Denn der Weiße hat dreitausend Jahre das Privileg genossen, zu sehen, ohne dass man ihn selbst sieht; er war reiner Blick. Jetzt beleuchten schwarze Fackeln die Welt".

Senghor selbst polarisierte weniger: Er schrieb Lyrik in Französisch (u.a. Hosties noires, 1948, Nocturnes, 1961) regierte um 1970 streckenweise wie ein europäischer Diktator, konnte aber andererseits auch wieder von einer "Weltkultur" sprechen, in der er den kulturellen Austausch als "greffe spirituelle" (Aufpfropfen, Veredelung) verstand.

Diese Form der Assimilation wollten später die berühmten Dichter der Antillen - Derek Walcott und Edouard Glissant - nicht mehr so ungebrochen übernehmen: Sie sprechen lieber von der "Hybridität" von Kulturen, wo Elemente der eigenen Kultur als Fremdelemente in "weltkulturellem" Kontext deutlich markiert werden. Doch kritisch war auch Senghor: "Herr, verzeih Frankreich, das sich Republik nennt und seine Länder den Großaktionären ausliefert."

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 22.12.2001)