Wien - "Noch vor einem Jahr zum Jahreswechsel waren die wirtschaftlichen Prognosen für Europa überwiegend günstiger als jene für die USA", erinnert sich Karl Aiginger, Industrieexperte des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo). Die Konjunktur in den USA befand sich im zehnten Jahr eines in seiner Länge alle Rekorde brechenden Zyklus und zeigte zunehmend Ermüdungserscheinungen.

In Europa hingegen hatte man endlich einen Schlussstrich gezogen unter die lange Geschichte von "kompetitiven Abwertungen" und daraus folgenden Währungskrisen. Die Wechselkurse in der Eurozone waren festgezurrt und nicht zuletzt in Vorbereitung auf den Euro warenfundamentale Probleme des alten Kontinents zumindest teilweise angepackt worden: Exzessive Budgetdefizite wurden abgebaut, in vielen Bereichen wurden Liberalisierungen in die Wege geleitet.

Dekade Europas

"Viele - auch wir im Wifo - erwarteten damals, dass mit dem Jahr 2000 eine Dekade beginnt, die ökonomisch von Europa dominiert wird", gesteht Aiginger ein. Für 2001 aber sah die Realität anders aus. Die US-Wirtschaft ist zwar seit dem Sommer in die Rezession abgerutscht und wird im Jahresdurchschnitt gerade noch ein reales Wachstum von einem Prozent erleben. Aber die EU liegt mit einem prognostizierten Wachstum von 1,6 Prozent nicht wesentlich besser, und einige Länder in der EU - darunter der Riese Deutschland, aber auch Österreich - befinden sich so wie die USA in einer technischen Rezession.

Wenn es aber positive Signale zur kommenden Jahreswende gibt, dann kommen diese aus den USA. Während dort einige Indikatoren schon steigende Tendenz aufwiesen, gebe es in Europa weit und breit keine Anzeichen, die auf einen selbst getragenen Aufschwung hindeuteten.

Dabei spielten natürlich auch unterschiedliche wirtschaftspolitische Auffassungen eine Rolle: Die Europäische Zentralbank verhielt sich wesentlich zögerlicher als ihre Schwester in den USA, und die Budgetpolitik blieb in Europa trotz Rezessionsgefahren bis zuletzt anhaltend restriktiv. Wesentlicher aber erscheint, dass Europa in den zentralen Faktoren, die die künftige Produktivkraft der Ökonomien bestimmen, deutlich hinter den USA zurückliegt.

Aufholprozess gestoppt

"In den 60er-, 70er- und 80er-Jahren hat Europas Wirtschaft einen deutlichen Aufholprozess gegenüber der USA bewältigt, die Produktivitätssteigerungen lagen auf dieser Seite des Atlantiks eindeutig höher", erklärt Aiginger. Dieser Prozess wurde in den 90er-Jahren gestoppt und ins Gegenteil verkehrt: Die 90er-Jahre waren das Jahrzehnt der USA. Wachstum und Produktivitätssteigerung lagen dort beträchtlich höher (vgl. Tabelle links).

Und daran dürfte sich auch in der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts wenig ändern. Aiginger: "Der mittelfristige Wachstumspfad wird für die USA auf drei Prozent geschätzt, in der EU liegt er bei maximal 2,5 Prozent."

Dies wird untermauert durch eine Analyse jener Faktoren, die die Wachstumschancen der Zukunft definieren, nämlich Ausbildung, Forschung und die Fähigkeit, neue Technologien zu nützen, wenn man sie schon nicht selbst entwickelt. Das Wifo hat dazu im Wettbewerbsbericht 2000 für die EU 16 Parameter als Indikatoren für "Wachstums-Treiber" (growth drivers) in der Wirtschaft untersucht. Dabei geht es etwa um die Höhe der Forschungsausgaben, die Anzahl angemeldeter Patente oder die Intensität der Internetnutzung .

In fast allen dieser Kategorien weist Europa gegenüber den USA einen deutlichen Rückstand auf. Nur bei zwei Parametern, den Ausgaben für die Telekommunikation und und in der Verbreitung des Mobilfunks, liegt der alte Kontinent voran.

Die Stärke der Kleinen

"Europas Bremsschuh sind dabei die großen Länder", analysiert Aiginger. Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien lägen bei den "Wachstums-Treibern" klar hinter den USA.

Demgegenüber gebe es mit Schweden, Finnland, Dänemark und den Niederlanden eine Gruppe kleiner europäischer Länder, die in diesem Vergleich durchaus mit den USA mithalten könnten.

Österreich gehört leider nicht dazu. Die Alpenrepublik, so Aiginger, habe zwar in den 90er-Jahren, was die Industrie betrifft, eine ausgezeichnete Performance abgeliefert. In den dynamischen Dienstleistungssektoren gebe es aber gravierende Defizite. Und im Ranking der "Wachstums-Treiber" liegt Österreich unter den 15 EU-Ländern an enttäuschender neunter Stelle.Für die europäische Wirtschaft war 2001 ein Jahr der Enttäuschung: Was als Start in eine "europäische Dekade" prognostiziert worden war, geriet zu einer bitteren Offenbarung inhärenter Schwächen. (Wirtschaftsforscher Karl Aiginger im Gespräch mit Johannes Steiner, Der Standard, Printausgabe, 24.12.2001)