Ist es wirklich Zufall, dass zurzeit gerade ein monumentaler Kampf des Guten gegen das Böse über die Kinoleinwände in aller Welt tobt? Im soeben angelaufenen Epos "Herr der Ringe", das auf einer 40 Jahre alten Fantasytrilogie von J.R.R. Tolkien beruht, wird die Welt vor profaner Machtgier gerettet. Und zwar mit den Mitteln aufopferungswilliger Freundschaft sowie individuellen Mutes.Damit wäre - mit den Mitteln Hollywoods - in Angriff genommen, was Konservative vor allem in Deutschland seit geraumer Zeit fordern: Das "Ende der Spaßgesellschaft". Weil es die soziale Lebensqualität untergräbt, wie der deutsche Freizeitforscher Horst Opaschowski kritisiert. Doch so schlecht scheint es um die viel strapazierten "Werte" gar nicht zu stehen. Eine kürzlich veröffentlichte europäische Wertestudie gibt keinen Hinweis auf allgemeine moralische Dekadenz. Im Gegenteil. Vermutlich gab es noch nie so viele Menschen, die sich freiwillig auf die Suche nach dem Glauben begeben, erzählt "Werteforscher" Christian Friesl. Er spricht sogar von einer "Sinngesellschaft". Die Kirche könne davon aber nicht profitieren. "Ich glaube, dass wir gerade eine Respiritualisierung, eine Wiederkehr des Religiösen im weitesten Sinn erleben", meint auch die Theologin und Juristin Christine Mann. Sie ist Leiterin des Schulamts der Erzdiözese Wien und bemerkt den Wandel am eigenen Leib: "Früher war man als Religionsvertreter in Schuldiskussionen sozusagen der 27. Zwerg. Jetzt wollen plötzliche alle jemanden dabei haben, der für Werte zuständig ist. Da geht es eben um Qualifikationen für Schüler, die im späteren Leben nicht mehr nachgebessert werden können." Im Zeitalter der Machbarkeit und des unbegrenzten Fortschritts ist Orientierung offenbar gefragter denn je. In der Werbung spiegelt sich die Komplexität der Gesellschaft wider: "Wer möchten Sie in den nächsten 24 Stunden sein?", lautet die Frage in der Anzeige einer Schweizer Uhr. Für den Wiener Trendforscher und Soziologen Andreas Reiter ist dies ein klassisches Beispiel für das vorherrschende Gefühl, alles sei für jeden jederzeit möglich. Der amerikanische Essayist Steven Waldman spricht deshalb sogar von einer "Tyrannei der Wahl" - im Supermarkt, bei der Telefongesellschaft, bei der Partnerwahl. Diese scheinbare Freiheit ist verwirrend und führt dazu, dass traditionelle Werte wie "Sicherheit" und "Zusammengehörigkeit" an Bedeutung gewonnen haben. Die Anschläge vom 11. September scheinen diesen Trend noch verstärkt zu haben. Somit werden laut Reiter (der seit fünf Jahren ein eigenes "Zukunftsbüro" betreibt) all jene Produkte besonders gute Zukunftschancen haben, die mit dem Rückzug in die eigenen vier Wände zu tun haben: Heimwerkerbedarf und Blumengeschäfte etwa. Bei Jugendlichen ist es schick geworden, gemeinsam zu kochen - die TV-Reality-Shows haben dieses Ritual aufgenommen, und natürlich auch die Werbung: Im jet to web-Spot zelebrieren weibliche Skistars das "Erlebnis Kommunikation", in dem gemeinsam ausgiebig geschnippelt, gerührt und gegessen wird. Natürlich boomt auch der Markt, der Problemlösung im undurchsichtigen Dschungel des Lebens verspricht: War es in den Achtzigern die Psychoanalyse, die den Stadtneurotiker erst komplett gemacht hat, gilt heutzutage ein Coaching, um Berufsziele besser zu erreichen, als unerlässlich. Abgesehen davon sind Bücher sowie Seminare selbst ernannter Gurus, die bei der Sinnsuche behilflich sind, ein Renner. In den USA und den Niederlanden schlagen sogar "Sinn-Agenturen" Kapital aus dem offensichtlich als schmerzhaft empfundenen Wertevakuum. Theologin Mann wundert sich darüber nicht: "Bisher haben viele ihren Lebenssinn aus der Erwerbsarbeit bezogen. Wenn Arbeit ein knappes Gut wird, sucht man den Sinn anderswo. Ökonomie gilt nicht mehr als Garant für Zusammenhalt unter den Menschen." Ihre Gegenstrategie: "Der gläubige Mensch weiß, dass er keinen Schiffbruch erleidet und auch etwas wert ist, selbst wenn er in der Erwerbsgesellschaft nicht gebraucht wird." Die Suche nach den wahren Werten spiegelt sich auch im Freizeitverhalten wider: Der "Klosterurlaub" oder ein mühevoller Pilgergang nach Santiago de Compostella sind längst nicht nur "Freaks" vorbehalten. Für schwer beschäftigte Opinion-Leader ist Zeit "das einzige Gut, das eine Rolle spielt", so Reiter. Dass künftig wieder mehr Ehen geschlossen und Babys gezeugt werden, erwarten jedoch weder Reiter noch Mann. Der Zug für die traditionelle Familie sei mehr oder weniger abgefahren, die Patchworkfamilie längst Realität, glaubt zumindest Reiter. Dennoch nehme die Kommunikation zwischen Familienmitgliedern merkbar zu, wobei das physische Zusammensein von untergeordneter Bedeutung sei. "Die Großfamilie, die früher an einem Ort zusammenlebte, hat qualitativ weniger miteinander gesprochen, als dies unter Familienmitgliedern und Freunden heute der Fall ist." Die viel verteufelten modernen Kommunikationstechniken wie E-Mail bringen neue Nähe (und helfen darüber hinaus auch noch, den Partner fürs Leben zu suchen). Pessimisten, die nach den Anschlägen in New York und Washington das Ende der "Fun-Kultur" ausriefen, unterstützt Reiter nicht. Sprich: Auch wenn man sich unter dem Eindruck, dass morgen "alles kaputt" sein könnte, die Frage nach dem Lebenssinn stellt, ist es kein Widerspruch, weiterhin "After-work-Clubbings" zu besuchen. Kardinaltugenden Laut Mann hat der 11. September viele Grundsatzdiskussionen ausgelöst. "Weltweit ist der Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit und Frieden wieder ins Blickfeld gerückt." Die Theologin erhofft sich eine Wiederkehr von vier "Kardinaltugenden". Das sind für sie: "Gerechtigkeit", "das richtige Maß" (etwa was den Umgang mit der Natur betrifft), "Tapferkeit" (modischer "Zivilcourage" genannt) sowie "Klugheit" (worunter sie "abwägen und nachfragen" versteht). Im Tolkienschen Fantasy-spektakel geht es in etwa um diese Eigenschaften. Und damit lassen sich immerhin die Kräfte der Finsternis in Schach halten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25./26. 12. 2001)