dieStandard.at: Sie haben gerade den erstmals ausgeschriebenen Menschenrechtspreis des Landes Steiermark bekommen. Ein schönes Gefühl? Maria Cäsar: Na ja, sicher. Leider ist rund um die Verleihung gleich ein großer politischer Wirbel entstanden, wer ausgezeichnet wird, aus welchem politischen Lager … Schlussendlich wurde die Dotierung ein wenig erhöht und nun gibt es vier Preisträger. Ich zu meinem Teil finde es ja eigentlich umsonst, dass wir da Geld bekommen haben. Ich werde meinen Anteil natürlich spenden, an junge engagierte Freunde von mir. Das ist klar. dieStandard.at: Betrachtet man die politische Lage in Österreich, schleicht sich der Verdacht ein, dass solche Preise als Feigenblatt fungieren. Maria Cäsar: Logisch sind solche Preise zuwenig, wenn die wirkliche Politik ganz anders handelt. Dieser erstmalig ausgeschriebene Preis muss ein Beginn sein, man muss hart an der jetzigen Situation arbeiten und darf sich nicht mit allem zufrieden geben. In meiner Arbeit als Zeitzeugin gehe ich auch immer von der Gegenwart aus. Obwohl wir hier scheinbar friedliche Weihnachten haben, passieren weltweit wieder furchtbare Kriege und auch die Eskalationsgefahr ist wieder groß. Ich weiß wovon ich spreche, keine Sorge. Na ja, und wer sind wieder einmal die Leidtragenden, die Kinder und Frauen. Ich sag immer: „Mit Gewalt wird nix gelöst.“ Man muss sich hinsetzen und miteinander reden. dieStandard.at: Und wenn die Inhalte fehlen, über die man reden sollte? Maria Cäsar: Na ja, da haben sie leider recht. Es fehlen in der politischen Diskussion immer mehr die Inhalte. Und ich glaube, dass diejenigen, die an den Hebeln der Macht sitzen, auch gar kein Interesse daran haben, dass die Leute verstehen, was sich in der Welt tut. Das ist ja viel angenehmer. Schauen Sie sich unsere Medien an, die meistgelesenste Zeitung ist die Kronen Zeitung. Die halt ich nicht aus, den Mölzer zum Beispiel. Die betreiben reine Volksverdummung. Die Leute müssen zum Denken anfangen, kritischer werden und den Mut aufbringen, ihre eigene Meinung zu haben. dieStandard.at: Sie arbeiten ja viel in Schulen. Diese sollten ja eigentlich Orte sein, in denen die jungen Menschen so etwas wie Kritikfähigkeit lernen. Wie erleben Sie das, wird die eigene Meinung der SchülerInnen ernst genommen, oder läuft noch immer alles nach dem Schema „unwissender, unerfahrene SchülerInnen – allwissende LehrerInnen“ ab? Maria Cäsar: Ich finde nicht. Immer wieder treffe ich junge Leute, bei denen meine Arbeit etwas bewirkt hat. Manchmal, auf einer Demo, kommt ein Schüler zu mir und sagt: „Hallo, Frau Caesar. Schaun’s, ich bin auch da!“ Das ist schöner wie ein Blumenstrauß. Einmal war ich sogar in einer Schule, wo ein Lehrer gemeint hat, dass unsere westliche weiße Kultur die überlegene ist. Und die Schüler, die bis dorthin ganz ruhig gewesen sind, haben plötzlich aufgezeigt und ihre Meinung gesagt. Da tut sich schon was. Ich gehe auch in Berufsschulen, dass halte ich für sehr wichtig. Mein Vorteil ist, dass ich eine schulfremde Person bin und sie ja von mir keine Noten kriegen. Außerdem versuche ich immer, von ihrem Interesse auszugehen, welche Bücher sie gelesen haben über den Nationalsozialismus oder welche Filme sie kennen. Und da knüpf ich an. dieStandard.at: Also doch nichts mit der allseits beklagten Politikverdrossenheit der Jugend? Maria Cäsar: Nein, die ist nicht wahr. Die Jugend ist nicht politikverdrossen, sie ist politikerverdrossen, so schaut’s aus. Die jungen Leute müssen sehen, dass sie die Politiker zwingen müssen, eine andere Politik zu machen. Für mich hat ja die Politik keinen negativen Stellenwert, für mich bedeutet sie, dass ich mein Leben selbst gestalten kann. Dieses Bewusstsein muss wieder geschaffen werden. Die jungen Leute brauchen aber die Gelegenheit, diese Erfahrungen zu machen. Wenn ich mit den Schülern arbeite, dann gibt es da eine gegenseitige Hochachtung, ich nehme sie ernst. Und das merken sie, und das brauchen sie. Sie müssen die politischen Zusammenhänge erkennen, um aus der Vergangenheit auf die Gegenwart schließen zu können. Und um Kritikfähigkeit zu erlernen. dieStandard.at: Die momentane Situation in Österreich fördert ja nicht unbedingt ihre KritikerInnen in Zeiten des „Schulterschlusses“. Presseförderungen werden gestrichen, die Freiheit von JournalistInnen eingeschränkt, KritikerInnen werden zu Vernaderer, Aktivismus als Terrorismus verfolgt .... Maria Cäsar: Es geht nicht nur darum, dass man Menschenrechte verlangt. Man muss auch danach leben. Da gibt es noch viel zu tun. Gerade die letzten internationalen, aber auch österreichischen Ereignisse zeigen, dass man gegen Ungerechtigkeiten was machen muss, ob nun im kleinen Kreis, im kommunalen Bereich oder am Arbeitsplatz. Hier werden die Menschenrechte vielfach verletzt. Und zu der Frage, ob’s einen Sinn hat, kann ich nur sagen, dass auch wir im Widerstand eine Minderheit waren. Und es haben sich immer mehr Menschen angeschlossen, die erkannt haben, dass man etwas dagegen tun muss. Schauen Sie sich die Protestbewegungen der letzten Jahrzehnte an, Anti-Atom, Hainburg. Sicher ist nicht immer alles mit Erfolg, aber würde sich nichts rühren, wäre auch nichts neues da. Ohne Kritik gibt es keinen Widerstand, und ohne Widerstand gibt es keine Veränderung, keine Vorwärtsentwicklung. Das Interview führte Elke Murlasits.