Wien - Für ein Unternehmen, das im Rechtsstreit mit dem US-Justizministerium, 18 US-Bundesstaaten und einer ganzen Konsumentenschar (in Form einer Sammelklage) liegt und gegen das von der EU-Kartellbehörde ermittelt wird, geht es Microsoft erstaunlich gut. "Gut" ist, in Anbetracht der größten Krise der IT-Industrie seit ihrem Bestehen, noch eine Untertreibung: Microsoft floriert.

Ungerührt von Verlusten anderer, hat Microsoft kontinuierlich Umsätze und operative Gewinne gesteigert - und das nicht zu knapp. Die Umsätze wuchsen Jahr für Jahr im zweistelligen Bereich, zuletzt auf 25,3 Milliarden Dollar (28,7 Mrd. EURO/395 Mrd. S; Ende Juni 2001). Nur das Nettoeinkommen ging nach der Abschreibung schlechter Investitionen auf 7,3 Mrd. Dollar zurück, knapp unter 1999. Auch im ersten Quartal 2002 (bis Ende September) erzielte der Konzern ein neuerliches Umsatzplus von sechs Prozent. Der Gewinnrückgang von 42 Prozent signalisierte erstmals, dass auch Microsoft nicht immun gegenüber den Marktschwächen ist. Aber mit rund 30 Mrd. Dollar gepolstert, lässt sich auch eine tiefe Krise ganz gut überstehen. Entsprechend lag der Kurs mit 67,54 Dollar am Mittwoch mehr als 50 Prozent über Jahresbeginn, als noch das Damoklesschwert der Zerschlagung als Strafe für den Missbrauch seiner marktbeherrschenden Stellung über Microsoft hing.

Seit das Berufungsgericht diese Anordnung der ersten Instanz Ende Juni aufhob, scheint Microsoft wieder in sicheren Gewässern unterwegs zu sein. Aber die Gerichtsverfahren sind alles andere als ausgestanden. Dem Vergleich mit dem Justizministerium sind bisher nur neun von 18 Staaten beigetreten, die richterliche Genehmigung steht noch aus. Die restlichen Staaten verlangen wesentlich schärfere Maßnahmen, als Microsoft bereit ist zu geben (Offenlegung des Internet-Explorer-Codes, Java-Integration und Office für Linux).

Ebenfalls noch nicht ausgestanden ist die Konsumenten-Sammelklage wegen überhöhter Preise; Microsoft bot als Vergleich eine Softwarespende an Schulen in Milliardenhöhe an. Das rief, nach langen Jahren des Stillhaltens, die Opposition des früheren Erzrivalen Steve Jobs (Apple) hervor: Denn der Schulmarkt ist einer der letzten, in dem Windows noch kein Monopol hat.

Völlig unabschätzbar ist derzeit der Stand des EU-Verfahrens. Die EU-Wettbewerbshüter haben in der Vergangenheit so manche US-Fusionsentscheidung ausgehebelt, so dass ein Ende des US-Verfahrens noch keine Entwarnung für Microsoft bedeutet. Ermittelt wird hier auch wegen anderer Vorwürfe: dass Micro- soft seine Desktop-Dominanz auf den Serverbereich ausdehnt. Das ist auch das erklärte Ziel und die Wachstumsstrategie von Microsoft: Alleine 2001 brachte Microsoft zehn Varianten von Server-Betriebssystemen auf den Markt und ist in diesem Feld um 107 Prozent gewachsen, sagt Microsoft-Österreich-Chef Andreas Ebert. Die marktbeherrschende Windows-Erfolgsstory soll noch anderswo wiederholt werden: bei Organizern mit Pocket-PCs und bei Spielekonsolen mit der X-Box. (spu, Der Standard, Printausgabe, 28.12.01)