Sydney - Australien hat eine neuen Staatsfeind: Er sei grauhaarig, etwa 50 Jahre alt, trage Jeans und Stiefel, sagt ein Zeuge. Ein Brandstifter dieses Aussehens soll mehrere der Feuer gelegt haben, die in den vergangenen Tagen mindestens 150 Häuser in Schutt und Asche gelegt haben. Feuer gehört aber auch ohne Brandleger zu Australien wie Kängurus.Seit Tausenden von Jahren verändert und formt Feuer das Ökosystem im australischen "Busch", wie das Gebiet hinter den Grenzen der Städte genannt wird. Feuer ist für eine Reihe von Pflanzen überlebenswichtig. Die Samenkapseln mehrerer Bäume und Sträucher öffnen sich nur in der Hitze eines Buschfeuers. Nach dem Flammensturm fällt die Frucht zu Boden, dann sprießen grüne Schösslinge aus der verbrannten Erde. Im Schein der Feuer von Sydney reflektiert sich die ambivalente Beziehung, die viele Australier zur Natur haben. Noch heute scheinen viele Bewohner und vor allem Politiker die Philosophie der Siedler zu teilen, die vor 200 Jahren ein zweites England schaffen wollten. Sie bauten eine landwirtschaftliche Industrie nach europäischem Muster auf. Furcht um Wohlstand Erosion und Versalzung des Bodens sind die Folge von großflächigen Waldrodungen und werden heute von Forschern wegen ihrer negativen Auswirkungen auf die Nahrungsmittelproduktion als wichtigste Bedrohung des nationalen Wohlstandes genannt. Dennoch gehen sowohl die landwirtschaftlichen Praktiken als auch die Rodungen weiter. Nur in Brasilien und Indonesien werden mehr Bäume gefällt als Australien. Ein ebenso akutes Problem ist die Zersiedlung. Sie ist der wesentliche Grund dafür, dass Brände in Australien immer höhere Sachschäden anrichten. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Buschfeuer vor allem eine Sorge der ländlichen Bevölkerung. Heute aber bedrohen sie in erster Linie die Städter. Mehr als 85 Prozent der 19 Millionen Australier wohnen in den Großstädten der Ost- und Südküste: Sydney, Brisbane und Melbourne. Die Zersiedlung hat schwere Konsequenzen für die Umwelt. Eine Flut von Fahrzeugen ist auf zu engen Straßen unterwegs, Smog ist eine der Folgen. Die Kanalisation ist ebenfalls chronisch überlastet. Dennoch: Erst vor Wochen bewilligte Sydney die Errichtung von weiteren Siedlungen mit Zehntausenden neuen Einfamilienhäusern. Gleichzeitig entwickelt sich in Australien ein rasch wachsendes Umweltbewusstsein. In den eher "besseren" Gebieten der Städte nimmt das Verlangen zu, die Sünden der Vergangenheit gut zu machen. Umwelt wird immer häufiger auch zu einem Wahlthema. So wird auch Feuer zu einem Politikum. Die Frage des präventiven Abbrennens von dürrem Unterholz erhitzt regelmäßig die Gemüter. Während Brandexperten sicher sind, die Methode verhindere die sonst unvermeidbaren Großfeuer, sorgen sich Grüne um die Tiere. "Feuerwirtschaft" Seit Jahren streiten sich Forscher, Politiker und Humanisten, ob die Ureinwohner Australiens durch ihre "Feuerwirtschaft" Tierarten ausgerottet haben. Mit dem Abbrennen von Land schafften Aborigines Weideflächen für Kängurus und andere bevorzugte Jagdtiere. Einzelne Wissenschafter glauben, dies habe zur Ausrottung einiger Großtierarten geführt. (uw, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 12. 2001)