Im nordfranzösischen Sangatte, vier Kilometer vom Eingang zum Ärmelkanaltunnel entfernt, herrschen absurde Zustände. Jede Nacht versuchen Dutzende Flüchtlinge, die elektrisch geladenen Stacheldrahtverhaue zu überwinden, um ins gelobte Großbritannien zu gelangen. Meist erfolglos. Die private Firma Eurotunnel hält sie mit 300 rund um die Uhr patrouillierenden Wächtern davon ab und liefert sie der Grenzpolizei aus. Diese hat 2001 schon 75.000 Fluchtversuche via Tunnel festgestellt.

Die Festgenommenen kehren meist in das Rotkreuzlager von Sangatte zurück, um es ein paar Nächte später erneut zu wagen. Mindestens sieben Fluchtversuche endeten dieses Jahr tödlich. Mitte der Woche versuchten es auf einen Schlag 500 Flüchtlinge, DER STANDARD berichtete.

Die in Sangatte Gestrandeten wollen auf dem europäischen Festland kein Asyl beantragen: Sie bevorzugen England nicht nur wegen der Sprache und dort lebender Familienangehöriger, sondern auch, weil man dort ohne Pass über die Runden kommt und Arbeit findet. Der belgische Innenminister Antoine Duquesne verlangte eine bessere Harmonisierung der EU-Asylpolitik: "Großbritannien muss handeln, um aufzuhören, ein Anziehungspunkt zu sein."

Die Regierung in Paris schaut dem Treiben in Sangatte schweigend zu. Nach Meinung von Hilfsorganisationen wären die Behörden froh, wenn möglichst viele Flüchtlinge auf die britischen Inseln weiterzögen. Im Pariser Flughafen hausen illegal Eingereiste wochenlang in unwürdigen Verhältnissen.

Der jüngste Parlamentsbericht dazu bezeichnet diese Wartezone als "Horror unserer Republik". Die Polizei erklärt sich als völlig überfordert: Für die 20.000 Personen, die 2001 in Roissy Asyl beantragten, stehen gerade 296 Betten zur Verfügung. Amnesty International verdächtigt die Behörden jedoch, bewusst tatenlos zu bleiben, um zukünftige Antragsteller abzuschrecken.

(DER STANDARD, Print- Ausgabe, 29/30. 12. 2001)