Paris/Moskau/Wien - Es gebe keinen Unterschied zwischen den tschetschenischen Rebellen und den Taliban in Afghanistan: Mit diesen Worten hat Russlands Präsident Wladimir Putin am Dienstagabend zum Abschluss eines Kurzbesuchs in Paris das Vorgehen der Armee in der abtrünnigen Kaukasusrepublik verteidigt. Dann folgte ein weiterer Vergleich: Das Blut der Russen, das bei Anschlägen tschetschenischer Separatisten in Moskau vergossen worden sei, habe die gleiche Farbe wie jenes der Opfer des Angriffs auf das World Trade Center in New York.

Gastgeber Jacques Chirac verurteilte zwar jeden Terrorakt, meinte aber, die Tschetschenien-Frage lasse sich nicht allein auf terroristische Aspekte reduzieren. Der Präsident nahm damit offensichtlich auch Rücksicht auf die Proteste in der französischen Öffentlichkeit. Noel Mamère, Präsidentschaftskandidat der Grünen, hatte kritisiert, dass der Besuch Putins zu einem Zeitpunkt erfolge, "wo in Tschetschenien seine Todesschwadronen Massaker verüben", unter dem "Vorwand des Antiterrorkampfes".

In jüngster Zeit häufen sich die Hinweise, dass Russlands Armee im Windschatten der US-geführten Antiterrorallianz in Tschetschenien noch rücksichtsloser vorgeht. Angaben der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial und Augenzeugenberichte lassen auf einen regelrechten Terrorkrieg schließen, bei dem zur "Abschreckung" gezielt Zivilisten gefoltert oder getötet werden.

Von Verhandlungen zwischen Moskau und den gemäßigten tschetschenischen Separatisten um Präsident Aslan Maschadow, die nach ersten Kontakten Ende vergangenen Jahres eingeleitet werden sollten, ist inzwischen keine Rede mehr. Dagegen berichtete der für Tschetschenien zuständige Kreml-Sprecher Sergej Jastrschembski vor wenigen Tagen vom erfolgreichen Abschluss einer vierwöchigen Militäroperation, bei der 92 Rebellen getötet und weitere 27 gefangen worden seien.

Häuserzerstörung, Folter, Mord

Laut Memorial sind Dutzende der Opfer Zivilisten. Allein in dem Dorf Zozin-Jurt südöstlich der Hauptstadt Grosny seien bei diesen "Spezialoperationen" 37 Unbeteiligte getötet worden, sagte die Memorial-Aktivisten Cheda Saratowa nach Angaben der Moscow Times. Usam Baisajew, Vizepräsident der Memorial-Sektion in der tschetschenischen Nachbarrepublik Inguschetien, berichtete einer Sonderkorrespondentin von Le Monde von Todesschwadronen, die aus Armee und Geheimdienst rekrutiert würden und denen immer ein Tschetschene angehöre. In Zozin-Jurt waren solche Einheiten laut Augenzeugen zuletzt fünf Tage lang im Einsatz: Zerstörung von Häusern, Folter, Mord.

Die Mokauer Zeitung Kommersant zitierte einen russischen Befehlshaber in der tschetschenischen Stadt Argun mit den Worten, manchmal sei es notwendig, gegen Unschuldige vorzugehen, "um den Einwohnern klar zu machen, dass diese Unschuldigen wegen der Banditen leiden". (DER STANDARD, Print vom 17.1.2002)