Alles andere ist Zeitverschwendung. Hörst du? Alles andere ist Zeitverschwendung. Hörst du, Margaret? Verstehst du?" So beginnt Einladung zum Tanz, der neue Roman von A. L. Kennedy und diese Sätze machen einen sofort hellwach: Was um alles in der Welt soll dieses Einzige sein, das keine Zeitverschwendung ist? Man will es wissen. Unbedingt. Sofort. Aber die Autorin lässt einen zappeln. Sie fordert einen heraus, die Neugier zu bremsen und sich in Geduld zu üben, geradeso wie sie selbst in aller Seelenruhe ihre Figuren und Situationen entwickelt. Nachdem der Vater diese beschwörenden Sätze an seine kleine Tochter gerichtet hat, muss er sich erst mal auf eine Bierkiste setzen, verschnaufen, in den sternenklaren Himmel schauen und über dies und das palavern. Weil Margaret immer noch aufmerksam zuhört, bekommt sie ein paar Seiten später die Antwort: "Also, was ich meine, ist, du wirst erwachsen werden, verstehst du, und Dinge tun und rumlaufen und denken, das, was du tust, ist wichtig, aber das ist es nicht. Lebendig sein ist wichtig. Alles andere ist Zeitverschwendung." Im nächsten Kapitel ist Margaret erwachsen, mitten in einer Lebenskrise und es hat den Anschein, als hätte sie die Worte ihres Vaters längst vergessen: Die junge Frau hat ihren Job verloren und vermutlich auch den einzigen Mann, den sie liebt. Der Roman ist als eine Art Zeitreise angelegt und Margaret erinnert sich an einzelne Episoden aus ihrer Kindheit und Jugend, während sie gerade im Zug von Glasgow nach London sitzt. Ihre Reise ist überstürzt, fast wie eine Flucht mit der vagen Hoffnung, in London ein neues Leben beginnen zu können. Zugegeben, die Fahrt vorwärts durch den Raum als Fahrt zurück in die Zeit ist ein äußerst traditionelles Erzählmotiv. Doch wie Kennedy erzählt, ist alles andere als altbacken. Sie betrachtet das Leben ihrer Figuren wie durch ein Kaleidoskop: Mal entwirft sie energische und atemlose Bilder mit knappen, merkwürdig schwebenden Dialogen. Dann wieder verfolgt sie ihre Personen mit unendlicher Geduld bei den alltäglichsten Verrichtungen und erreicht eine unglaubliche Plastizität, Pointierung und Präsenz. Zweifelsohne ist hier eine routinierte Erzählerin am Werk. 1991 sind ihre ersten Texte erschienen, die sie praktisch über Nacht zu einer literarischen Entdeckung gemacht haben. Seitdem überschlagen sich Kritiker regelmäßig vor Begeisterung. Laut New York Times sind ihre Bücher mit nichts anderem vergleichbar. Leser wie Leserinnen schwärmen von ihren Geschichten und reichen ihre zerlesenen Exemplare mit wärmsten Empfehlungen weiter. Bei Interviews tritt eine ungekünstelte Frau mit breitem Lachen und trockenem Humor zutage. Dass sie ihre beiden Vornamen Alison Louise strikt auf die Initialen A. L. abkürzt, scheint schon ihre einzige Marotte zu sein. Drei ihrer Bücher liegen nun auf Deutsch vor und wurden auch hierzulande wohlwollend aufgenommen: Vergangenes Jahr erschien die lange Erzählung Gleißendes Glück. Die Geschichte der Liebe zwischen einer geprügelten Hausfrau und einem pornosüchtigen Psychoguru wird in England gerade verfilmt. Heuer folgte der Reisebericht Stierkampf, eine Auftragsarbeit, bei der sie die Geschichte des archaischen Kampfes aufrollt, und ihr erster Roman Einladung zum Tanz. Drei grundverschiedene Texte und Genres, die unterirdisch durch mehr als nur Stil miteinander verbunden sind - diese Autorin verfolgt ein anderes Anliegen. "Ich schreibe über die Unterklasse", sagt Kennedy, "und nicht über die eingebildete englische Mittelklasse." Sätze wie diese machten die 35-jährige Schottin zu einer Nationalikone. Sowohl Gleißendes Glück wie auch Einladung zum Tanz erzählen vom Überlebenskampf in der Nach-Thatcher-Ära. Es wäre jedoch eine fatale Verkürzung, würde man ihre Bücher bloß als markige Sozialreportagen lesen. Das Großartige an ihren Texten ist ihre sagenhafte Geduld mit den Figuren und ihr Hang zu scheinbar Nebensächlichem. Zweifelsohne stellt sie den Leser mit ihrer Entschleunigung auf die Probe. Wer diese besteht, taucht unmerklich in ihre Sicht der Welt ein und wird allmählich begreifen, dass sich die Sehnsucht nach Lebendigkeit als Leitmotiv durch ihre Bücher zieht. Ihre Figuren ringen auch an trüben Tagen um ihre Lebendigkeit und suchen noch in Nebensätzen nach dem Glück. Schön, dass es eine Autorin gibt, die einen daran erinnern möchte.   (DER STANDARD, Album, 9.02.2002 - Von Petra Rathmanner)