Der Heiligenschein ist zurückgekehrt. Jenes Licht, das kopfumschmeichelnd göttliche Auserwähltheit bezeugt. Hilmar Kabas hat uns monatelang mit seinen Plakaten auf die Heiligenscheine vorbereitet. aber bei ihm war es irgendwie kompliziert. Jörg Haider ist da einfacher. Er lässt farbige Lichtschimmer hinters Haupt setzen oder das Licht auf den Kopf aufglänzen. Und er trägt auf manchen Fotos weiße Unterleiberln. Die blitzen unter dem Kragen heraus und eine Erinnerung an das Kolar des katholischen Priesters steigt auf. Jedenfalls für alle, die auf katholische Priester dressiert sind. Und das sind doch die meisten Österreicher. Immer noch.

Es wird viel gelächelt und gegrinst auf der FPÖ-Wahlwerbung. Es wird im Chor gelächelt. Diese Lächelchöre zeigen die Arbeit von Dentalhygiene und Retousche und ein "Wir". Jörg Haider umgibt sich mit diesen Chören. Kommunikation kommunizierend kehrt das FPÖ-Plakat in Zeiten zurück, in denen der Held im Kreis der von ihm Erretteten und seinen Bewunderern dargestellt wurde. Der Unterschied zum Wahlplakat ist nur, dass die Sportler siegen mussten. Vor dem Jubel. Die Astronauten mussten im Weltall gewesen sein. Vor dem Jubel. Die Sieger hatten einen Krieg geführt. Jesus hatte seine Wunder wirken müssen. Vor dem Jubel. Die Szenen auf den Wahlplakaten bleiben ein Versprechen, das sich dann aber all der Vorstellung von Erfüllung und Errettung bedient, die Sportler, Astronauten, Sieger und Jesus herstellten.

Wie die Sportler, Astronauten, Sieger und Jesus, tritt Haider als Führender der Brüdergruppe an. Er ist der Sohn, den das Patriarchat fürchten muss. Dieser Kampf wird zwischen zwei Konstruktionen "Mann" ausgetragen. Von dem Mann, der sich in die bestehende Macht einordnet und im Mitmachen an dieser Macht beteiligt wird. Der klassische ÖVPler und SPÖler also. Die Macht wird in kleine Fitzelchen aufgeteilt und damit erhalten. Die ganze Macht ist nicht zu haben. Wer sich da nicht einordnen will, der muss alles in Frage stellen. Und deshalb gibt es die andere Konstruktion des Mannes mit dem Schlagwort von der 3. Republik. Haider und seine Mannen. Aber vor allem er. Die werden uns von der 2. Republik erlösen. Um uns das leichter zu machen, werden zu den Heldenbildern auch noch sprachliche Versprechen gemacht. "Einer der Euch nicht im Stich lässt." "Wir halten unser Versprechen":

In den Umsturz in ein Neues. In ein Anderes, in dem die Macht neu verteilt wird, die Trachtenhütchen und der Feuerwehrhelm aber bestehen bleiben. Der Wähler und die Wählerin. Das "Wir" vor dem Plakat. Wir dürfen dieselben bleiben und müssen uns keine Sorgen machen. Wir dürfen Trachtenhäubchen und Feuerwehrhelm aufbehalten. Die Politiker. Die müssen andere werden. Das "Wir" der Plakate wird gegen die bisherigen Machthaber vorgehen und sie ersetzen. Die werden die alten Götter stürzen und dann werden die "Wirs" vom Plakat mit den "Wirs" vor dem Plakat verschmelzen. und eine neue Zeit wird sein.

So ist es in den Mythen. Und in der Arena. Und in den Medien. Der Zuschauer und die Zuschauerin. Das Wahlvölkchen in diesem Fall. Die werden vom Sachargument befreit. Dann können sie dem Kampf der Personen besser folgen. Dem Kampf von Mann zu Mann.

euch auf mich verlassen.

Die Überzeugungskraft liegt in der Siegerpose. Deshalb Heiligenscheine, lachen und lächeln und Gefühlsduselei und um Gottes Willen kein Sachargument, die emotionalisierte Idylle zu stören. Die endgültige Verführung in die Siegerpose vor dem Sieg liegt im Glauben. Im Glauben des Gladiators an seinen Sieg. Jahrganggerecht greift Haider in den Glaubenshilfsmitteln auf die 60er Jahre zurück.

Auch damals wurde eine neue Menschheit ausgerufen. Anfangs revolutionärer Egalitarismus kippte schon damals in das Gefühl, etwas Besseres zu sein als die "Alten". Die Gruppe war die Basis eines "Wir", das sich von Überzeugungen herleitete und nicht von Interesse. Liedtexte bezogen sich auf Jesus. Verglichen sich mit ihm. Im Geschlechtlichen galt eine klare Rollenteilung in männlich und weiblich. Diffuse Erlösungsphantasien beherrschen den Horizont.

Das Charisma eines Bibelverkäufers

Wie in den 60er Jahren kämpft Haider gegen die öde Welt der "Alten", der Etablierten. Demokratische Beteiligung wäre die Anerkennung dieses "Alten" und ist deshalb nicht möglich. Jörg Haider ist ein Hippie. Eigentlich. Auch in der Buntheit der Herleitung seiner politischen Ideen. Haiders Lebensgefühl und Charisma könnte auch der Capo einer Gruppe von Bibel- und Lexikonverkäufern haben, die irgendwo ausschwärmen und am Abend eine vorgeschriebene Anzahl von Büchern verkauft haben müssen. Dieser Capo will halt ganz Österreich als Revier.

Dass es in Fragen der Trennung von Kirche und Staat so viele und so verschiedene Rückfälle gibt, das macht deprimiert.

Marlene Streeruwitz, Schriftstellerin, lebt in Wien.