Belgrad - Der bisherige Verlauf des Milosevic-Prozess vor dem Haager UNO-Kriegsverbrechertribunal hat nach Ansicht von Belgrader Analytikern vor allem die Schwächen der Anklage an den Tag gelegt. "Die Strategie der Tribunalsanklage dürfte ohne Aussagen von 'Insidern' scheitern", sagte der Politologe Dusan Pavlovic vom Belgrader Institutes "G-17", , gegenüber dem staatlichen TV-Sender in einer der Verhandlungspausen."Schlecht vorbereitet" Pavlovic ist der Ansicht, dass es der Anklage durch die bisherigen Zeugenaussagen nicht gelungen ist, die Kommandoverantwortung Milosevics für die Kriegsverbrechen im Kosovo an den Tag zu legen. Dazu müssten eben die engsten Mitarbeiter von Milosevic in den Zeugenstand treten. Die Anklage selbst ist seiner Ansicht nach "politisiert", aber auch "schlecht vorbereitet" gewesen. Seiner bisherigen Überlegenheit ist sich ganz gewiss auch der Angeklagte selbst bewusst, der mit gewohnter Arroganz und Selbstsicherheit die Zeugen als unglaubwürdig oder sogar als Lügner abstempelt. Milosevic legt ein enormes Konzentrationsvermögen an den Tag. Offenbar hat er sich erholt. Im Gerichtssaal agiert nicht jener entthronte Politiker, der nach der Einlieferung in ein Belgrader Gefängnis im April des Vorjahres bemüht war, eine schwer angeschlagene Gesundheit vorzutäuschen. "Kein leichter Brocken" Der Belgrader Publizist Slavoboljub Djukic, Autor mehrerer Milosevic-Biographien in den vergangenen zehn Jahren, meint indes, dass man vor dem Tribunal in Bälde auch einen ganz anderen Milosevic erleben dürfte. "Er (Milosevic) wird ganz gewiss kein leichter Brocken sein, allerdings scheint er sich nicht der Tatsache bewusst zu sein, mit welchen Wölfen er konfrontiert ist", kommentierte Djukic das typisch narzistische Verhalten von Milosevic. Nach Ansicht des Publizisten dürften die vom Angeklagten behauptete Unschuld vor allem jene Menschen untergraben, die er einst als seine engsten Mitarbeiter mit Ämtern, Macht und Reichtum beschenkt hatte. "Dies wird für ihn der größte Schlag, eine gerechte Strafe sein", sagte Djukic gegenüber der Wochenzeitschrift "Nedeljni telegraf". Milosevic entschloss sich nach Ansicht des Belgrader Seelenarztes Zarko Trebjesanin dazu, vor dem Tribunal die Rolle eines "Helden und Märtyrers" zu spielen. Seine Selbstverliebtheit habe starke Unterstützung durch den Umstand erlebt, dass ihm die Aufmerksamkeit Tausender von Journalisten gelte, und dass er erneut im Rampenlicht der Medien stehe. Trebjesanin, der sich jahrelang mit der Persönlichkeit des einstigen Präsidenten befasst, prophezeit ebenfalls, dass man am Ende des Prozesses erneut jenen Milosevic erleben wird, den man vom Oktober 2000 kennt. Damals musste als er als "eingeschrumpfter Luftballon, gebrochen und unkonzentriert" seine Wahlniederlage zugeben musste.(APA)