Mit ekstatischem Jubel feierte das Staatsopernpublikum am Sonntag nach der Premiere von Leos Janáceks "Jenufa" vor allem Agnes Baltsa und Angela Denoke sowie den Dirigenten Seiji Ozawa.Wien - Da spielt man also jeden im Hinblick auf Text und Handlung noch so bedeutungslosen alten Opernhadern aus Frankreich und erst recht aus Italien selbstverständlich in Originalsprache, da müssen sich die Solisten in den Opern Tschaikowskys und Mussorgskis auf mitunter ridiküle Weise irgendwie russisch klingende Phoneme abringen, und ausgerechnet ein Werk, das wie keine anderes der Opernliteratur im Idiom seiner Heimat wurzelt, singt man auf Deutsch. Dass man den Namen des Komponisten im Programmheft mit allen Akzenten und Hatscheks (Leos Janácek) versieht und das U des Titels penibel mit einem Ringlein ( Jenufa ) ziert, ist für diese lässige Bequemlichkeit kein Ausgleich. Und der Hinweis, die Übersetzung stamme schließlich von keinem Geringeren als Max Brod, keine Entschuldigung. Gewalt gegen Kunst Sie ist nicht mehr als ein Behelf, da sie mit Janáceks Musik nicht zur Einheit verschmilzt. Handelt es sich doch im Fall dieser Oper, wie Janácek selbst schreibt, um sprachgenerierte Musik, die er "heimlich den Reden der Vorübergehenden" ablauschte. In dieser Hinsicht galt einen (trotz allem ereignishaft eindrucksvollen) Abend lang genau das Gegenteil von Franz Moraks frommem Motto Kunst gegen Gewalt , dem die naturgemäß um Staatsgunst werbende Staatskunst diese Produktion gewidmet hat. Eine dramaturgisch wenig begründete Fleißaufgabe übrigens: Wer die Geschichte des Mädchens Jenufa und vor allem die Art, wie sie Janácek musikalisch schildert, als Protest gegen die herzlosen Maximen der Gesellschaft interpretiert, macht sich einer der seit dem nun schon in mehrfacher Hinsicht verheerenden 11. September in Mode stehenden Vereinfachungen schuldig und wird übrigens durch David Pountneys Inszenierung gleich im ersten Bild sehr schlüssig korrigiert. Mühle des Schicksals Da stellt Bühnenbildner Robert Israel nämlich ein riesiges Räderwerk auf die Bühne, das nicht Protest, sondern unentrinnbares Schicksal nach antikem Vorbild signalisiert. Und diese fahle Mühle des Schicksals dreht sich gnadenlos. Sie entzweit (Jenufa von ihrem ersten Bräutigam Stewa), sie zermalmt (Jenufas unehelichen Sohn aus dieser Verbindung), und sie führt zusammen (die Titelgestalt mit Laca, Stewas Stiefbruder). Und gerade der szenisch tief berührende Schluss, an dem Jenufa und Laca im grellen Hintergrundlicht zu Scherenschnitten vereinfacht zueinander finden, signalisiert nicht Aufruhr, nicht Protest, sondern die im Augenblick tiefster Erniedrigung jenseits aller Logik (auch in Janáceks Musik) vegetativ aufkeimende Chance zum Glück. Und solche Glückschancen hatte dieser Premierenabend zuhauf. Vor allem in Agnes Baltsa in der Gestalt der herrischen, keine Widerrede duldenden Ziehmutter Jenufas, der Küsterin. Nicht so sehr die Gesellschaft, sondern vielmehr ihr Egoismus, ihre Angst um den Verlust des Ansehens sind es, die sie zur Tötung von Jenufas Kind bewegen. Agnes Baltsa gestaltet dies mit schneidend beredter Gestik und unüberbietbar bestrickender musikalischer Bravour. Und Angela Denoke als Titelgestalt ist ihr durch die lyrisch dezente Leidenspoesie, die sie in Spiel und Gesang entwickelt, voll ebenbürtig. Wie es überhaupt zu den Vorzügen dieses Abends zählt, dass es in dieser Besetzung einfach keine Schwachstelle gab. Auch die beiden Männer um Jenufa, (Torsten Kerl als Stewa und Jorma Silvasti als Laca) werfen sich mit gleich beachtlichem tenoralem Gewicht in das von David Pountney zeitweise etwas zu weitläufig, aber mit vielen, beinah an Walter Felsenstein erinnernden Details versehene Geschehen, in dem auch noch Anny Schlemm als Großmutter und Walter Fink als Dorfrichter zu lebendigen Figuren erwachen. Das Fundament des Erfolges stellte, wie zu erwarten, das von Seiji Ozawa stellenweise bis zum Sieg über die Stimmen angefeuerte Staatsopernorchester. Freilich wurde gerade durch die feurige Einprägsamkeit, mit der Janáceks Melodiepartikel glimmten und aufflammten, das Fehlen des zugehörigen mährischen Sprachidioms besonders spürbar. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 2. 2002)