von Kathrin Röggla


wir alle kennen sie, die kinogier, warum sonst sind wir hier? weil wir verrückt danach sind, etwas zu erfahren, und zwar nicht irgendetwas, wir wollen wissen, was los ist, und das ist gar nicht so einfach. denn wir leben in einer zeit, die bestimmt ist von dem gefühl eines gewaltigen realitätsverlustes und dem daraus resultierenden hunger nach dem "wirklichen leben". (...)

dass wir an den bildern, die wir uns von der welt machen, mitarbeiten, dieses bewusstsein scheint heute jedenfalls ziemlich gering vorhanden zu sein. das fällt mir immer auf, sehe ich filme aus den frühen siebzigern, filme von godard, cassavetes, fassbinder und kluge, die nicht nur in ihren rhetoriken, sondern auch in ihren strukturen von einem aufbruch erzählen, öffnungen besitzen und ausblicke versprechen nach seiten hin, die längst noch nicht zu ende entwickelt sind.

es ist dieser musilsche möglichkeitssinn, der ihnen innewohnt, ohne dass sie den wirklichkeitssinn dabei nur eine sekunde vernachlässigten. diese dialektik steckt in den bildern von autobahnen, bürogängen, parkhäusern, redaktionen, sendeanlagen, bars, die ich mit den filmen dieser zeit assoziiere. öffentliche und halböffentliche räume, die heute irgendwie aus unserem blickfeld zu gleiten scheinen, die abtauchen, verschwinden, wie vieles andere, an dem man früher noch etwas gesellschaftliches festmachen konnte, etwas, das einen betreffen könnte.

einzig das auto scheint übrig geblieben, zwar kein godard-auto mehr, aber immerhin können wir in ihm sitzen und markenweisheiten von uns geben oder uns auch die namen von supermarktketten aufzählen lassen. und wenn wir glück haben und dies auf eine bestimmte, notorische weise geschieht, wird möglicherweise der blick frei für die lage, in der wir keinen meter mehr haben, aber doch vorankommen müssen: unse- re gegenwärtige situation. (...)

was man jetzt immer häufiger zu sehen bekommt, ist das letzte hemd. überall wird es ausgehängt, nur seltsamerweise fällt es nicht wirklich auf. (...)

das letzte hemd sei übersichtlich, heißt es, doch wie es sich zeigt, ist das gegenteil der fall: das letzte hemd ist unübersichtlich. es breitet sich aus, wird immer größer, verwinkelter und zugleich brüchiger. es löst diskontinuitäten in der wahrnehmung aus, sodass die notwendige frage, ob wir noch all unsere sinne beisammen haben, vermessen erscheint.

aber es gibt ja immer noch andere letzte hemden, z. b. wie sie in fassbinder-filmen auftauchen, vor fensterfronten, hinter denen man die stadt erahnen kann, eine müde skyline, die münchen sein könnte. da kann man männern zusehen, die sich unmotiviert in büroräumen oder privaträumen, die wie büroräume aussehen, ihre jacketts ausziehen, sie auf stühle werfen oder andere möbelstücke, und in ihren hemden dastehen, als wären es nicht letzte hemden, sondern horizonte, zu denen man aufbrechen könnte.

"welt am draht", fassbinders film von 1974, ist so ein film, in dem sich der held fred stiller am ende unvermittelt seines jacketts entledigt, während er den satz sagt: "deswegen kann ich mich jetzt auch nur wehren mit allen mitteln, weil mir niemand glaubt." er weiß zu diesem zeitpunkt, dass er nichts als eine identitätseinheit ist, künstlich geschaffen vermittels elektronischer schaltkreise, lebend in einer welt, die selbst nur eine simulation ist.

auch bei uns ist ähnliches zu vermuten. und wenn der philosoph slavoj zizek schreibt, dass jetzt, wo in der spätkapitalistischen konsumgesellschaft das "reale soziale leben" selbst züge eines inszenierten schwindels annehme, es umso mehr darum gehen müsse, die ideologischen und fantasmatischen koordinaten zu bestimmen, in denen unsere amokläufe stattfinden, die allerdings äußerst reale effekte sind, dann kann man ihm nur recht geben.

denn es sind noch immer wir, die wir unsere realität herstellen, das machen wir nicht willkürlich, sondern in den rahmenbedingungen einer geschichtlichen situation, die wir ständig produzieren und reproduzieren. es ist kein film, der irgendwo abläuft. wir machen diesen film, während wir miteinander sprechen, reden, anträge einreichen, uns organisieren oder nicht organisieren, auf die straße gehen oder nicht. film ist permanent auf der straße, und er ist es auch, wenn es diese nicht mehr gibt. er zeigt den öffentlichen raum, wo er verschwunden ist.

kinoraum und stadtraum mögen heute in unserer scheinbar ortlosen zeit wie anachronistische räume wirken, aber dann ist es ein anachronismus, dessen wir bedürfen, wenn alle augenblicke das 21. jahrhundert neu ausgerufen wird und wir es nicht finden. man hat ja heute eher das gefühl, nicht einmal im letzten jahrhundert verblieben zu sein, sondern im falschen, ja, im ganz falschen jahrhundert sind wir gelandet mit unserer sehnsucht nach bildern, die uns von der gegenwart erzählen, mögen sie auch aus der vergangenheit kommen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.03. 2002)