In Laurent Gaudé hat Frankreich wieder einen viel versprechenden Dramatiker gefunden. Oder noch nicht gefunden: Die Uraufführung seiner "Kampfhunde" fand in Essen, die Österreich-Premiere in Linz statt.Linz - Gotham City ist wieder da. Diese Stadt bebt, wenn einer es will, einer, dem alles gehört, dessen Macht nur darauf abzielt, diese bedingungslos zu vergrößern. Der junge französische Autor Laurent Gaudé hat Bat- man City aus neumodernen Bausteinen errichtet und ist als 29-Jähriger wenn schon, dann zurecht gerade darüber ergraut. Denn aus den fatalen Machtagglomeraten des neuen Jahrtausends lässt er die grausamsten Menschengespenster erwachsen, Sex-und Industriestrategen; jede menschliche Beziehung ist eine geschäftliche. Seit langem wurde kein französisches Stück solch bemerkenswerter Art im deutschen Sprachraum in Umlauf gebracht. Präziser: Nach Bernard-Marie Koltès und Jean Genet hält sich die französische Dramatik im Mauseloch versteckt. Yasmina Rezas Stücke sind zivilisierterer Natur. Gaudé hat bei gleichzeitiger französischer Nicht- bis Wenigbeachtung einen Roman und Erzählungen geschrieben, erschienen im Kleinverlag "Actes Sud Papiers". Von den bislang vier Theaterstücken, die der mindestens zehn Jahr älter wirkende Franzose geschrieben hat, wurde bisher eines ins Deutsche übersetzt und vor knapp zwei Jahren in Essen uraufgeführt. Gaudé horcht, sofern ihm seine Unterrichtstätigkeit an der Sorbonne dafür Zeit lässt, weiter den Weltwunden die Schmerzenstöne ab. Man spricht schon von Königsdramen. In den Linzer Kammerspielen, wo Combats de possédés / Kampfhunde (Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel) am vergangenen Sonntag seine österreichische Erstaufführung erfuhr, umschleichen diese Schreckfiguren in blutroten und jägergrünen Kollektionen ihre Reviere. Der "Chef" - Massenmörder und Marktbeherrscher in Personalunion - bietet seinem "Mörder" die freie Stelle des Sohnes an. Vor Jahren hat dieser Pate die Familie des Jünglings ausgerottet und die Leichen dort verscharrt, wo all seine Opfer begraben liegen, am Brachland hinter seinem Hotel. Dort (r)ackern zwei Hamlet-Totengräber, im glücklosen Zustand der Vollbeschäftigung stehend, "in fiebriger Wachheit" ihre Hände wund. Sie bilden - in Gerhard Willerts Linzer Arbeit hervorgehoben - die Folie der Ironie des Grauens. Ehefrau und Hure, Leibwächter und der Illegale sind die ausgebeuteten Randfiguren dieses Imperiums, welches mit dem "Sohn" zum Sturz kommt; es kostet diesem das Leben. Und das bei Willert ganz ohne Tamtam: keine rauschhaften Meucheleien, keine Untergangsserenaden. Im Kreisrund der Drehbühne erblüht bloß in aufgeschütteten Kleiderfetzen das Opferbeet (Bühne: Florian Parbs). "Frauen zucken zusammen, Tauben flattern auf." - Hier ist Gotham City. Allein die Hauptdarsteller atmen nicht deren Luft, sondern die bekanntlich auch interessante von Linz. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.03. 2002)