Washington/London - Wer glaubt, der Jahr-2000-Computer-Virus werde am 1. Jänner 2000 lediglich die Heizung für ein paar Tage abschalten oder ein paar Verkehrsampeln ausknipsen, der irrt. Fachleute rechnen da mit ganz anderen Sachen. Mehrere Militärexperten warnen, dass Terroristen oder aggressive Staaten unter dem Schutz des Virus' die Kommunikationsverbidnungen angreifen und zu einem Überrasschungsangriff nutzen könnten. Die Gefahr hat auch einen Namen: "Digitales Pearl Harbour" - in Anlehnung an den Überfall Japans auf die Flotte der USA in Pearl Harbour im Dezember 1941. Der oberste Internetpolizist der USA, Michael Vatis von der US-Bundespolizei FBI erklärte kürzlich in Washington, einige Fehler, die in Sicherheitssystemen von Industrie- und Militäranlagen auftreten könnten, seien möglicherweise gar nicht auf den Virus, also Probleme beim Umschalten vom 31. Dezember 1999 auf den 1. Jänner 2000, zurückzuführen. Denkbar sei auch, dass bestimmte Fehlfunktionen zuvor absichtlich in die Software installiert worden seien, erklärte Vatis. Die lahmgelegten Sicherheitssysteme wären dann kein Hindernis mehr für Anschläge oder militärische Überfälle. Andere Angriffsziele könnten Computersysteme in Banken sein. Paul Beaver vom Fachblatt "Jane's Defence Weekly" ist sich sicher: Wirkliche Gefahr könne in dieser Hinsicht nur von Serbien ausgehen, das sich möglicherweise für die Niederlage im Kosovo-Krieg im Frühjahr 1999 rächen wolle. "Internet-Krieg" Allerdings sei diese Art "Internet-Krieg" eher unwahrscheinlich, zumindest zu Beginn des Jahres 2000, glaubt Peter Sommer von der London School of Economics. Für Angriffe im Internet bedürfe es einer Menge Insider-Kenntnisse, über die die meisten Terroristen nicht verfügten. "Wenn Terroristen Anschläge auf die Kommunikationsnetze oder Öl-Leitungen verüben wollen, sind konventionelle Waffen sinnvoller für sie", erklärt Sommer. Außerdem bestehe für die Täter im Internet zur Zeit die Gefahr, entdeckt zu werden." In einigen Jahren könnte die Möglichkeit von Anschlägen aus dem Internet allerdings größer werden, glaubt Andrew Rathmell vom Zentrum für Sicherheitsanalysen am Londoner King's College. Die Regierung und zahlreiche Firmen hätten in den vergangenen Wochen viele freie Mitarbeiter an ihren Computersystemen arbeiten lassen, um sich gegen sie gegen den Jahr-2000- Computer-Virus zu schützen. Dabei habe es nicht die selben Sicherheitskontrollen gegeben, wie üblich. "Wir wissen nicht, wie weit Terroristen und Kriminelle auf diese Weise Einblick in die Kommunikationssysteme von Regierung und Industrie bekommen haben", warnt Rathmell. Möglicherweise habe jemand bei dieser Gelegenheit einen selbstentwickelten Computer-Virus installiert, der erst in einigen Jahren aktiv werde und die Computer zum Absturz bringe.(Reuters)