Franzobel

Bevor man den ganzen Kanzler in die Schale wirft, sei noch Folgendes festgehalten: Wolfgang Schüssel hat das trojanische Pferd seiner Wahlwerbung präzise formuliert: Platz drei bedeutet Opposition, Platz zwei Fortsetzung der großen Koalition. Ein Galopp zur Kanzlerschaft mit Haiders Gnaden kommt, so sagte er wörtlich, für ihn nicht ihn Frage.

Zumindest in meiner Auslegung war dieser letztlich sehr erfolgreiche Rösselsprung eine klare Verunmöglichung von Schwarz-Blau. Wie das Wahlergebnis zeigt, haben viele Dochnoch-ÖVP-Wähler auf eben dieses beworbene Pferd der Stabilität gesetzt. Die meisten, denke ich, haben Schüssel den Wassergraben zu Haider auch geglaubt. Aber nun werden sie abgeworfen. Denn der Pferdefuß des so bedeutsamen Von-niemands-Gnaden-Zusatzes ist der, dass sich nach der Wahl niemand mehr daran erinnern erinnern will. Und bis die Wahlkarten ausgezählt sind, scheint man ihn ganz vergessen haben zu wollen.

So begannen nicht wenige journalistische Wendehälse unverzüglich die Wahl mit einem angeblichen Wendewillen in Beschlag zu nehmen,den ich partout nicht erkennen kann.

Die FPÖ hat zwar beträchtlich zugelegt, ist aber doch hinter manchen düsteren Prognosen und wohl auch ihren eigenen Erwartungen deutlich zurückgeblieben. Die ÖVP konnte nicht distanziert werden, ein Abstand zur SPÖ besteht nach wie vor.

Aber trotz dieses Ergebnisses, das nur 27,2 Prozent als Steigbügelhalter eines Umschwungs ausweist, sprachen die blauen Reiter bereits am Wahlabend vom Sieg und einer Regierungsbeteiligung, hielt Schüssel sich wie zwei Züge vorn liegender Schachspieler bedeckt. Alles Masche? Österreich schnellstes Hochglanzformat titelte mit: Österreich wählt die Wende.

War also das hölzerne Entsachlichen dieses Wahlkampfes nichts anderes als ein Danaergeschenk, ein Ast, der Schwarz-Blau zur Blüte bringt? Und muss man sich anhand dieser aus dem trojanischen Pferd hüpfenden Sieger nicht die Frage nach dem Esel stellen? Und in welchem Geschirr laufen manche Medien, die bevor Troja erobert ist, schon beginnen, die schöne Helena zu verteilen?

Wäre es statt dieser Steilsprünge nicht ihre staatserhaltende Pflicht, klar zu sagen: Der Viktor dieser Wahl heißt noch immer Klima. Oder ist jemals wer auf die Idee gekommen, einem Ortlieb einen Sieg abzuerkennen, weil sein Vorsprung im Rennen nur noch 0,6 und nicht mehr wie im Training 0,9 sec. betrug?

Franzobel ist Schriftsteller in Wien; soeben erschienen: "Met ana anders schworzn Tintn. Dulli Dialektgedichte"