Wenn Benjamin Netanyahu jetzt plötzlich auf den Fernsehschirmen in aller Welt auftaucht und dort beredt die israelische Sache vertritt, dann hat das nichts damit zu tun, dass der Expremier intensiv an seinem Comeback arbeitet. Eher im Gegenteil - Netanyahu hat sich von Ariel Sharon, dem Mann, den er als Partei-und Regierungschef gerne beerben möchte, für die Schlacht an der Medienfront einspannen lassen. Das Land ist in Not, war die Parole.

Und wenn es darum geht, in geschliffenem US-Englisch aggressiven Interviewern zu erklären, warum Israel im Recht ist, dann ist der mit seinen 53 Jahren immer noch stattliche "Bibi" eine Koryphäe. Das Paradoxe ist dabei, dass der dreifache Familienvater so gut "rüberkommt", obwohl ihn die meisten Journalisten, inner- und außerhalb Israels, verabscheuen.

Vor einigen Monaten führte er bei einem Symposium über "Die Intifada und die Medien" aus, worauf es bei der Öffentlichkeitsarbeit für Israel ankäme - nämlich auf die simplen Wahrheiten, die allenthalben vergessen seien. In einem BBC-Interview sei er einmal gefragt worden, ob die Palästinenser nicht das Recht hätten, sich zu wehren, wenn Israel "ihr Land besetzt". "Ich habe einfach geantwortet: Es ist nicht ihr Land" - alle Redakteure ringsum hätten innegehalten, aufgehorcht, kurz nachgedacht und Israel sofort besser verstanden, versicherte Netanyahu stolz.

Ähnliches hätte er bewirkt, als er einmal auf dem Landsitz des spanischen Premiers José María Aznar eingeladen gewesen sei. Der Gastgeber hätte ihn aufgefordert: "Sagen Sie mir in einem Satz - what is your case? (Was ist ihr Argument?)" "Ich habe ihm in die Augen geschaut und gesagt: José María, what is your case?" Denn Israel sei in der gleichen Situation wie die Spanier im Mittelalter, die auch nach Jahrhunderten arabischer Besetzung das Recht auf ihr Land nicht verloren und ihre Freiheit wiedererkämpft hätten.

Als Netanyahu es in seiner kurzen Amtszeit geschafft hatte, sich mit fast allen seinen Parteifreunden zu überwerfen, und bei den Wahlen 1999 von Ehud Barak mit Rekordabstand geschlagen wurde (Barak wurde dann allerdings nach noch kürzerer Zeit mit noch größerem Abstand von Ariel Sharon hinweggefegt), da hofften viele, den als arroganten Opportunisten abgestempelten Ex-Eliteoffizier und UNO-Botschafter für immer los zu sein - und viele glaubten gleichzeitig, dass er nicht lange stillhalten würde.

Im Februar hat Netanyahu angekündigt, dass er wieder Ministerpräsident werden will, bei Likud-internen Umfragen liegt er gut zehn Prozentpunkte vor Sharon. Das Problem, das der Premier jetzt mit dem "isolierten" Yassir Arafat hat, hätte Netanyahu nicht - er hat schon vor Wochen empfohlen: "Wir müssen ihn hinausschmeißen!"

(DER STANDARD, Printausgabe, 4.4.2002)