Ausgerechnet ein ehemaliges Steinkohlewerk im Ruhrpott soll zu einem europäischen Designzentrum werden. Auf dem Weg dorthin folgt man dem Plan des Architekten Rem Koolhaas.
Von Knuth Hornbogen
In Essen liebt man die Superlative. Als die Schachtanlage Zeche Zollverein XII anno 1932 ihre Arbeit aufnahm, vermochte moderne Technik zwölftausend Tonnen Steinkohle täglich ans Licht zu bringen - die Zeche war damit viermal produktiver als andere im Ruhrgebiet. Und auch in Sachen Ästhetik zählte sie zur Elite. Die Architekten Fritz Schupp (1896-1974) und Martin Kremmer (1894-1945) errichteten eine Anlage, die, gestaltet von den Wegen über Gebäude bis hin zu Beleuchtungen und Geländern, weltweit als Maßstab moderner Industriearchitektur galt. Was einst von industriellem Fortschritt kündete, ist nun Weltkulturerbe, ist offiziell in die Liste ewig zu konservierender Geschichte aufgenommen worden. Nun soll es vorangehen in Essen, Zukunft soll gestaltet werden. Dabei spielt Design eine herausragende Rolle: Eine Hochschule soll ihre Pforten öffnen, Gestalter im Gründerzentrum ihren Berufseinstieg finden und eine Designmesse öffentliche Auseinandersetzungen mit dem Thema Gestaltung fördern. Zudem ist die Errichtung eines Ruhrmuseums geplant. In den kommenden zehn Jahren werden Konzepte umgesetzt, die sich an einem Masterplan orientieren, erstellt von dem Architekten Rem Koolhaas und seinem Office of Metropolitan Architecture (OMA). Der Plan umfasst sowohl ein architektonisches wie auch inhaltliches Konzept und erfüllt damit nun die Vorstellungen von Denkmalpflegern und der Unesco. Anstoß hatten die Hüter der Weltkultur dagegen an einem Entwurf der Architekten Diener & Diener genommen. Dieser sah einen transparenten Baukörper auf der so genannten Kohlenwäsche vor, ein geradezu brachialer Eingriff in die denkmalgeschützte Architektur. Zudem wurde ein Gesamtkonzept für das Areal vermisst, und dem Unesco-Komitee erschien unklar, wie die Denkmalpflege verantwortungsvoll gesichert werden könnte. Rem Koolhaas spricht von "embryonalen Ideen", sein Entwurf umringt die vorhandene Substanz mit Neubauten, greift aber in den Bestand nicht ein. Den Kern lässt er von Neuem unberührt, Wege schaffen Verbindungen, bringen weit auseinander liegende Teilgebiete zusammen. Als Hauptachse fungieren bisherige Bahnschienen, die sich in einem weiten Bogen über das Gelände spannen. Sie werden als großzügiger Fußweg ausgebaut und als Verteilerachse des Verkehrs innerhalb der Anlage dienen. Nach außen gelangen Besucher über einen der vier Eingänge, die Koolhaas als "Attraktoren" bezeichnet. Einer davon befindet sich im südlichen Teil, dort, wo sich der stählerne Doppelbock, das Wahrzeichen des Geländes, befindet. An der Stelle des bisherigen Haupteinganges ist ein touristisch geprägtes Besucherzentrum mit Ausstellungsflächen, Parkraum und Zugang zu den historischen Produktionsanlagen vorgesehen. Hier soll auch, so jedenfalls die Vorstellungen des Geschäftsführers der Entwicklungsgesellschaft, Wolfgang Roters, jedem Touristen sofort deutlich werden, worum es bei dem ganzen Projekt geht. Eine gigantische Projektion wird auf aktuelle Programme, Veranstaltungen und Sehenswertes hinweisen, kurzum: Sie soll die Zeche als "Austragungsort der Moderne" kennzeichnen. Am Ort der Superlative möchte man sich nicht mit regionaler Bedeutung begnügen. Roters will "den Mund nicht zu voll nehmen", aber den Anspruch, die Zeche zum "bedeutendsten Designstandort Deutschlands" zu entwickeln, den verfolgt er schon. Unterstützt wird das Vorhaben von der EU, dem Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt Essen - 61,4 Mio. Euro sind genehmigt. Lange Zeit zum Planen haben die Verantwortlichen nicht, bis zum Herbst 2003 müssen 30,6 Mio. verbaut und abgerechnet sein. Vornehmlich wird das Geld in die Sanierung des Bestandes und die Infrastruktur gehen. "Der entscheidende Neubau", so Roters, "wird erst nach 2003 errichtet werden." Bislang steht das Gründerzentrum mit einem Areal von 16 Hektar ganz oben auf der Wunschliste. Erst später soll dann die Designschule und der Besucherneubau im Süden des Geländes in Angriff genommen werden. Koolhaas hat Bildungseinrichtung und Gewerbepark an der Peripherie des Geländes platziert. Ein breiter Boulevard verbindet die Einrichtungen, ermöglicht Kontakt, fördert Austausch. Um den soll es in erster Linie gehen. Zusammengebracht werden sollen Künstler, Designer und Wissenschafter. "Produktion und Ausstellung von Kunst soll an einem Ort stattfinden", so Roters. Inhaltlich sind die Planungen noch lange nicht abgeschlossen, klar erkennbar sind aber die Ambitionen vonseiten der Wirtschaft. "Mit dem Projekt will das Land gerade die kleinen und mittleren Unternehmen im Ruhrgebiet im Bereich des Designs unterstützen und so deren Wettbewerbsfähigkeit stärken", sagt Wirtschaftsminister Schwanhold. Wirtschaftlich wird auch in Sachen Hochschule gedacht. Eine sich selbst tragende Auftragsforschung soll - vor großen Vergleichen scheut man nicht zurück - nach dem Modell der Fraunhofer-Institute Start-ups fördern. Eine Möglichkeit zur Aus- und Weiterbildung soll entstehen, die, so hofft der Leiter des örtlichen Designzentrums, Peter Zec, "sich mit Hochschulen wie der im Schweizer St. Gallen messen lassen kann". Wie gesagt: Große Vergleiche sind an der Tagesordnung. Auch die von Zec ins Gespräch gebrachte Meta-Form, eine Art Weltmesse des Designs, hat nichts Geringeres als die Documenta in Kassel zum Vorbild. Wie dort sollen sich im fünfjährigen Rhythmus über eine halbe Million Besucher über den Stand der Dinge kundig machen. Zec schwebt eine ebenso populäre wie visionäre Veranstaltung vor. "Das Geschehen im Bereich der Form und kreativen Gestaltung" doziert er, "bekommt von neuen Wissenschaften, etwa der Kognitionsforschung oder der modernen Biologie, der Bionik und KI-Forschung, seine Inspiration". Ob das Ergebnis visionär oder populistisch ausfällt, wird sich 2005 zeigen. Auch ist noch nicht geklärt, wer die Veranstaltung kuratieren soll. "Wir suchen den Besten", erläutert Roters die noch unklare Lage. "Wenn Herr Zec der Beste ist, wird er Kurator, wenn nicht, nehmen wir jemand anderen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 4. 2002)