"Mord durch gefälschte Medikamente." So übertitelt das nicht eben dem Boulevard zuzurechnende British Medical Journal sein jüngstes Editorial (Vol. 324, S. 800). Grund für die dramatische Wortwahl führender Tropenmediziner um Paul Newton von der Oxford University ist das grassierende Fälschen von Pharmaka, das oft tödlich endet.In Nigeria rafft ein mit giftigen Lösungsmitteln gestreckter Hustensaft Dutzende Kinder dahin, in Mexiko ein falscher Fiebersirup. In der Türkei mixt ein Apotheker Medikamente aus Backpulver. Im Niger finden "Ärzte ohne Grenzen" einen Meningitis-Impfstoff aus Leitungswasser. In Kenia und Kambodscha fordert ein falsches Anti-Malaria-Mittel eine unbekannte Opferzahl. 770 Fälle - weltweit Insgesamt erfasste die Weltgesundheitsorganisation WHO über 770 Fälschungen - zum Teil in täuschend gut nachgebauten Blisterpackungen, sogar mit Original-Hologramm: im harmlosesten Fall perfekte Imitate mit gleicher Wirkung, aber in 35 Prozent mit falschen Wirkstoffen oder -mengen, in 60 Prozent ganz ohne. Der Unterschied ist weder für Arzt noch Apotheker oder Patienten zu erkennen - außer mit dem Minilabor des Vereins German Pharma Health Fund (GPHF), das bekannte Substanzen wie Acetylsalicylsäure (Aspirin und ähnliche Generika) auf Echtheit testet. Eine Privatinitiative, denn die betroffene Industrie ist meist passiv aus Angst vor Vertrauensverlust. Doch auch die Wissenschaft ist säumig, kritisieren die Forscher, die nun Alarm schlagen. "Es gibt wenige publizierte Ergebnisse, die das Vorkommen, die Wirkung auf die Gesundheitsversorgung oder mögliche Gegenmaßnahmen bewerten. Was vorliegt, deutet darauf hin, dass die Sterblichkeit infolge dieses mörderischen Handels beachtliche Ausmaße hat, besonders in Entwicklungsländern." Milliarden-Geschäft Aber nicht nur dort: In den USA tauchten sogar gefälschte Krebsmedikamente auf. Weltweit, so die WHO, machen Fälschungen ein Zehntel des Handels aus. Eine konservative Schätzung des Internationalen Pharmahersteller-Verbandes rechnet mit einem Geschäft von 25 Mrd. Euro. Das Meiste geht wohl auf das Konto der organisierten Kriminalität. Daher rufen die Forscher nun nach internationalen Polizeiaktionen mit "der gleichen Strenge" wie bei illegalen Drogen. Und sie fordern "alle Maßnahmen", die den Profit für die Fälscher senken könnten, darunter niedrigere Medikamentenpreise. (rosch, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 06./07.04.2002)