Das Gebäude im staubigen Industriegürtel des 11. Budapester Stadtbezirks atmet die Atmosphäre, welche schon im Namen steckt: Hauptstädtisches Kulturhaus. Schlichtheit und Vertrauen in Beton zeichnen derlei in den 70er-Jahren entstandene Bauten aus. Für Péter Medgyessy, den Spitzenkandidaten der Ungarischen Sozialistischen Partei (MSZP), ist sein Wahlkampfauftritt dort ein Heimspiel.Denn in den Zuschauerreihen sitzen fast ausschließlich alte Menschen. Genießen können sie ihren Lebensabend nicht, in Ungarn hatten es die Pensionisten nie leicht. Sie gehören zu den Reform-und Wendeverlierern. Ihre Pensionen verloren unter der fortlaufenden Geldentwertung seit dem Kommunismus an Wert. Das war auch unter der sozialistisch-liberalen Regierung unter Gyula Horn (1994-1998), in deren letzten beiden Jahren Medgyessy als Finanzminister diente, nicht anders. Doch unter der Herrschaft der Jungdemokraten (Fidesz) von Viktor Orbán verschwanden sie ganz aus dem Fokus der Politik. Medgyessy, der in der Öffentlichkeit blass wirkt, taut vor diesem Publikum auf. "Ich möchte, dass die Pensionisten, die dieses Land auf ihren Schultern getragen haben, bekommen, was ihnen zusteht", ruft er. Lebhafte Zustimmung schlägt ihm entgegen. Die rosa-grauen Panther fühlen sich ernst genommen und angesprochen. Orbáns Herausforderer wurde von den Sozialisten erst vor einem knappen Jahr als Spitzenkandidat für die Parlamentswahl nominiert. Er ist kein Mitglied in der MSZP, gehörte aber zum Reformflügel der alten KP. Vor der Wende war er bereits stellvertretender Premier in der damaligen Reformregierung. Zwischen seinen politischen Betätigungen war Medgyessy als Investitionsbanker für ausländische Institute in Ungarn tätig. Als Spitzenkandidat wurde er auserwählt, weil sich die "weißen Elefanten" innerhalb der MSZP untereinander nicht einig wurden, wer die Partei in diese Wahl führen sollte. Dem Parteivorsitzenden László Kovács, Außenminister der Regierung Horn, fehlte der Kampfeswille, seine Person durchzusetzen, wie auch seine Versuche, die MSZP nach dem Wahldebakel 1998 zu reformieren, stecken blieben. Seinen Vorgänger Gyula Horn stach wohl der Hafer, doch ihm haftete die Verantwortung für die Niederlage vor vier Jahren an: Er hatte den "jungen Buben" Orbán nicht ernst genommen. Doch gegen Orbán stand in diesem Wahlkampf auch Medgyessy auf fast verlorenem Posten. Wenn der junge Ministerpräsident in der Provinz auftauchte, erzählte Orbán den Menschen, dass die Ungarn ein ganz tolles Volk mit ganz vielen Nobelpreisträgern seien und dass es nur des Willens bedarf, um große Träume zu realisieren. Orbán träufelte Honig in die Ohren der wenigen, die zur Mittelklasse gehören, und der vielen, die zu ihr gehören möchten. Wenn die Jungdemokraten in den Umfragen die Sozialisten überholten, dann liegt es daran, dass es in der von ihnen geprägten politischen Atmosphäre nicht mehr darauf ankam zu überzeugen, sondern zu mobilisieren. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 6./7. 4.2002)