Brüssel - In außerordentlich scharfen Worten hat EU-Kommissionspräsident Romano Prodi das Vorgehen der israelischen Armee in den besetzten palästinensichen Gebieten verurteilt und erstmals Wirtschaftssanktionen der Europäischen Union gegen Tel Aviv als "eine von vielen Optionen" angedeutet. Die Armee verhindere "systematisch" den Zugang von Hilfspersonal zu den besetzten palästinensischen Städten im Westjordanland, die hermetisch abgeriegelt worden seien, beklagte Prodi am Montag vor der internationalen Presse in Brüssel. Ärzte, Journalisten und Hilfswerke würden davon abgehalten, ihre Tätigkeit auszuüben."Große humanitäre Krise" Falls die Gewalteskalation nicht gestoppt werde und Israel nicht unverzüglich seine Truppen aus den besetzten Städten zurückziehe, werde es in der West Bank zu einer "großen humanitären Krise kommen", warnte Prodi. Die meisten Krankenhäuser könnten wegen Wasser- und Strommangel nicht mehr arbeiten und keine Kranken und Verwundeten mehr aufnehmen. Israelische Panzer hätten "enormen Schaden" an den Wohnhäusern angerichtet. Die Heiligen Stätten in Betlehem müssten geschützt und erhalten werden. Der für humanitäre Hilfe zuständige EU-Kommissar Poul Nielson verwies bei der gemeinsamen Pressekonferenz darauf, dass Schulen und Krankenhäuser beschossen worden seien und es keinen Zugang mehr zu den palästinensischen Flüchtlingslagern gebe. Die EU-Kommission beschloss eine humanitäre Soforthilfe für die Palästinenser von 5 Mill. Euro, das EU-Hilfsbüro Echo will weitere 1,7 Mill. Euro flüssig machen. Sie soll auch den Flüchtlingen im Libanon zugute kommen. Er hoffe, dass Israel seine Haltung ändere, damit die Hilfe überhaupt möglich werde, betonte Nielson. Appell an EU-Mitgliedstaaten Den EU-Mitgliedstaaten schlug Prodi vor, den an sich für Dezember vorgesehenen Assoziationsrat mit Israel unverzüglich zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen zu rufen. Wirtschaftssanktionen wie die Aussetzung des zwei Jahre alten Freihandelsabkommens wollte der italienische Politiker nicht mehr ausdrücklich ausschließen, sollte sich "die Lage nicht verbessern". Vor einem entsprechenden Beschluss müsse aber der Dialog mit Israel gesucht werden, wie dies "unter Freunden üblich ist". Das geeignete Instrument dafür sei der Assoziationsrat. Ein Waffenlieferembargo schloss Nielson aus, da die EU dafür keine Zuständigkeit habe. Überdies hänge Israel nicht in erster Linie von europäischen Waffenlieferungen ab. An den palästinensischen Präsidenten Yasser Arafat appellierte Prodi erneut, alles gegen den Selbstmordterrorismus zu unternehmen, was in seiner Lage möglich sei. In dieser Situation sei auch "die schwache Stimme Europas" wichtig, betonte Prodi. Der EU-Kommission sprach sich außerdem für ein Treffen der vier Hauptakteure USA, UNO, EU und Russland diesen Mittwoch in Madrid aus, wo hohe Vertreter des "Quartetts" weilen, um über das weitere Vorgehen in Nahost zu beraten. Der spanische Außenminister und derzeitige EU-Ratspräsident Josep Pique habe ihm am Montag mitgeteilt, dass er sich um eine gemeinsame Haltung zu Nahost bemühe. Prodi forderte weiter, dass die Europäer dem Mittelmeerraum Vorrang vor ihren Verpflichtungen gegenüber den osteuropäischen Kandidaten einräumen sollten. Die Europäer müssten "mehr Mut und Mitgefühl" für die Region zeigen, denn dort liege der Schlüssel zum Frieden.(APA)