Grafik: Standard
Nur ein Buchstabe Unterschied: Ingrid Thurner ist Verwechslungen mit ORF-Lady Ingrid Thurnher längst gewöhnt - "leider", wie sie meint. Auch wenn sie nicht als Nachrichtensprecherin für den ORF tätig ist, aus dem Fernseher wird das Gesicht nun öfter herausschauen. Am Sonntag durfte es schon die "Betrifft"-Diskussion sein.

Thurner (58) hat den Publizisten Hubert Feichtlbauer am Freitag als Vorsitzenden der Plattform "Wir sind Kirche" abgelöst. Ihr Mann, die drei erwachsenen Kinder und zwei Enkerln haben sich an das kirchliche Engagement der gelernten Bilanzbuchhalterin längst gewöhnt. Thurner war bereits Stellvertreterin Feichtlbauers, die Kandidatur nur ein logischer Schritt einer knapp zwanzigjährigen Karriere innerhalb der römisch-katholischen Kirche.

Die gebürtige Tirolerin organisierte 1988 den Papstbesuch in Innsbruck, war Diözesanvertreterin im Laienrat Österreichs und Pastoralassistentin. "Die Kirche ist mein Hobby und meine Leidenschaft", sagt sie. Sie sei ihr ein Anliegen, "nicht wie sie ist, sondern wie sie sein könnte".

1995 anlässlich des Kirchen-Volksbegehrens gegründet, kämpft die Plattform "Wir sind Kirche" mit ihren rund 1400 Mitgliedern für Reformen innerhalb der römisch-katholischen Kirche und eckt regelmäßig bei der Amtskirche an. Kein Wunder, dass sich keine bischöflichen Gratulanten bei Thurner melden. "Ich habe das auch nicht erwartet", meint sie. Kontakt zu den Bischöfen werde ständig gesucht, selten gefunden - fast nie offiziell: "Ich würde mir wünschen, dass die Bischöfe mutiger ihre eigene Meinung vertreten."

Diese "Zurückhaltung" ver- misst Thurner bei einem anderen Thema: dem Karikaturbuch von Gerhard Haderer über das Leben Jesu Christi. "Der Glaube lässt sich durch Zeichnungen nicht erschüttern. Es gibt doch wirklich wichtigere Themen." So sollte die Kirche endlich ernsthaft über ihr Amtsverständnis diskutieren. Der Seelsorgermangel nehme in Westeuropa seit Jahren dramatische Formen an. Hier herrsche massiver Handlungsbedarf. "Aber 90 Prozent der fähigen Leute stehen ja außerhalb des kirchlichen Gesetzbuches."

Zwei Jahre will Thurner der Plattformarbeit opfern. Spektakuläre Aktionen dürfe man derzeit aber nicht von ihr erwarten. Die Kirche sei, abgesehen vom Streit um das Haderer-Buch, kein Thema in Österreich. Thurner: "Die Leute haben resigniert und sind müde." Ihre Hauptaufgabe sieht sie darin, trotz aller Widrigkeiten "die Flamme am Leben zu erhalten".

Später wird sie sich vielleicht aus ihrer Heimat im Tiroler Volders mit ihrem Gatten und den zwei Labradorrüden ins Zweitdomizil ins Südburgenland zurückziehen. Der eigene Weingarten wartet schon.

(DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2002)