Gegen Polemiken und Pauschalisierungen setzt die völlig neu gestaltete Vernichtungskrieg-Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung auf die Kräfte des Sehens, Lesens und Differenzierens. Jetzt sollte man sie in Wien im Semperdepot ansehen: bevor man gleich eine Meinung dazu äußert.
von Richard Reichensperger
Wien - Es ist eine ganz unaufgeregte Ausstellung. Wie oft die Kinder von ihren Eltern, so ist die zweite Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944 als Kind der ersten "Wehrmachtsausstellung", die 1999 zurückgezogen wurde, von dieser ganz verschieden. Die Ausstellung, die jetzt, nach Berlin und Bielefeld, bis zum 26. 5. im Semperdepot gelandet ist, beweist: Der Apfel fällt doch weit vom Stamm. Manchmal sind Kinder solider als ihre Eltern. Geblieben sind nur leichte Familienähnlichkeiten:

Schon die erste Ausstellung wollte keineswegs über "die" Wehrmacht berichten, sondern über Teile eines Teiles: den "Vernichtungskrieg" in Teilen der Ost- und Südostfront. Schon in der ersten Ausstellung wurden also keineswegs "alle" deutschen und österreichischen Soldaten im Zwangsverband Wehrmacht als Mittäter verunglimpft. Das behauptete die Rezeption, die in polemische Stellungskriege ausartete. Dagegen tritt die zweite "Vernichtungskrieg"-Ausstellung nun an:

Gesetzt wird auf höchste Sachlichkeit und Differenzierung: Da wird die schriftliche Ermahnung von Soldaten gezeigt, die sich der Anordnung, sich die Nahrung auf der besetzten Krim selbst zu organisieren, widersetzen und umgekehrt von ihrer Ration der ausgehungerten Bevölkerung schenken. Es werden aber auch Passfotos einer Russin aus Leningrad gezeigt, nachdem befohlen wurde, die Zivilisten der Stadt "auszuhungern": Das erste Foto von Mai 1941 zeigt eine kräftige Frau; das zweite, ein Jahr danach: ein Gerippe zu Lebzeiten.

Geblieben sind einige Grundthesen, die aber in der Zeitgeschichte schon lange als gesichert gelten: etwa die, dass Morde keineswegs nur von SS-Verbänden erfolgten. Sondern in Zusammenarbeit mit der Wehrmacht. Und dass der Krieg auf Zivilisten ausgedehnt wurde: "Der Krieg gegen die Sowjetunion unterschied sich von allen Kriegen der europäischen Moderne, auch von denen, die die deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges in anderen Ländern führte".

An zwei langen Stellwänden in der Mitte des Saales werden die völker- und kriegsrechtlichen Rahmenbedingungen präsentiert, die Hitler in Komplizenschaft mit dem Oberkommando der Wehrmacht für seinen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juli 1941 bewusst außer Kraft setzte, für einen "Vernichtungskampf", der "keine Frage für Kriegsgerichte" sein dürfe.

Der kriegsrechtliche Schutz feindlicher Soldaten und Zivilisten wurde aufgehoben. Der Begriff "Partisan" wurde ausgedehnt und damit auch Judenerschießungen für die Wehrmachtsangehörigen ermöglicht ("Der Jude ist der Partisan, der Partisan ist der Jude"). Die Ausstellung zeigt diese Art von "totalem Krieg" in sechs Abschnitten ("Ernährungskrieg"; "Pogrome"; "Völkermord an den sowjetischen Juden", etc.): Ohne die Zusammenarbeit mit der Wehrmacht (die für Erfassung und Gettoisierung zuständig war) hätte er so nicht durchgeführt werden können. "Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen": 3,3 Millionen starben in deutscher Gefangenschaft: Gewarnt wurde vor "Humanitätsduselei".

Die Ausstellung entwirft in drei Ebenen eine Topografie des Terrors: Es dominieren Schriftzeugnisse in Augenhöhe (also intellektueller, weniger emotional als die häufigeren Fotos in der ersten Ausstellung); eine Ebene darüber in jedem Abschnitt eine Landkarte; und davor in der Horizontale die Möglichkeit, etwas anzuhören oder anzusehen - auch hier von zwei Seiten her:

Ein Pogrom in Lemberg wird gezeigt in einem deutschen Propagandafilm, wo zu emotionalisierender Originalmusik "GUS-Bestien in Menschengestalt" vorgeführt werden; das gleiche aber auch in einer stummen Amateurfilmaufnahme: Deutsche Soldaten zerren eine Frau an ihren Haaren über den Boden.

Nein, in dieser Ausstellung wird einem nichts geschenkt. Gefordert ist die Anstrengung des Lesens, des Vergleichs, der Differenzierung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 09.04. 2002)