Sebastian Paulick

Jörg Haider ist kein Nazi, die FPÖ keine nationalsozialistische Bewegung. Es zu sein, wäre beiden auch nicht dienlich. Wer in Österreich kann denn heute noch etwas anfangen mit rassischer Überlegenheit, mit biologisch begründeter Unwertigkeit, Weltherrschaftsphantasien, ja selbst mit Deutschnationalismus? Die wenigsten.

Jedoch: Jörg Haider redet oft wie ein Nazi, und er hat die FPÖ auch dadurch groß gemacht. Die Konzentrationslager waren "Straflager"; ma hats ja net gwußt damals. Die Beschäftigungspolitik war "wenigstens ordentlich"; naja, da war ma scho froh, wie ma wieder a Arbeit ghabt hat. Die "anständigen SS-Männer sind ihrer Überzeugung treu geblieben"; haben ja treu bleiben müssen, wie stellen Sie sich das vor, junger Mann. Es sind Worte wie diese, mit denen in Österreich noch ganz schön viele etwas anfangen können.

Ach, das haben vor mir schon Dutzende geschrieben? Sie kennen das schon alles? Ja, alle kennen das alles. Von diesen allen haben 27 Prozent FPÖ gewählt. Und von den verbleibenden 73 Prozent hört man: Österreich ist kein Nazi-Land! (Viktor Klima). Die ausländischen Medien möchten doch bitte fair bleiben! (Thomas Klestil). Keine Hysterie! (Alexander Van der Bellen).

Es gibt nichts zu relativieren

Nicht nur Paul Lendvai ("Kontraproduktive Attacken", STANDARD vom 9. 10.) sieht sich aufs Unangenehmste an den öffentlichen Diskurs um die unappetitliche Waldheim-Sache erinnert: Ein hoher österreichischer Politiker, man kann ihm nicht vorwerfen, ein Nazi zu sein, findet keine klaren Worte gegen den Nationalsozialismus; die Angelegenheit spaltet das Land; so lange, bis ausländische Medien gegen ihn Partei ergreifen. Oder gar Juden. Oder aber Amerikaner: Dann ist Österreich wieder ungeteilter Meinung, denn dann ist das alles eine rein innerösterreichische Sache, und gegen uns läuft eine "Kampagne". Von "den anderen", die ja auch nicht besser sind: Die Juden wegen der Palästinenser. Oder die Amerikaner wegen antisemitischer Expräsidenten. (Es war übrigens unschwer vorherzusehen, dass wir auch das Wort "Ostküste" in diesem Zusammenhang bald wieder hören würden.)

Ob die österreichische Zweite Republik aber inzwischen in vielen Krisen geholfen hat, ob es auch andernorts (etwa in Ländern, die Österreich jetzt kritisieren) rechtsextreme oder totalitäre Tendenzen gibt, ist in diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung. Was zählt ist, dass schon wieder ein hoher österreichischer Politiker, der keine klaren Worte gegen den Nationalsozialismus findet, strahlender Wahlsieger geworden ist.

Nein, Herr Klima, Österreich ist kein Nazi-Land; aber Österreich ist ein Land von Leuten, die offenbar größte Schwierigkeiten haben, sich selbstbewusst vom Nationalsozialismus loszusagen. Deshalb haben, Herr Klestil, die meisten ausländische Medien auch recht, wenn sie sich um uns Sorgen machen. Und Hysterie, Herr Van der Bellen, ist unter diesen Gegebenheiten ja wohl das Mindeste.

Sebastian Paulick (26) ist Pessimist in Wien-Währing.