Weil alles andere zu einfach wäre. Meint jedenfalls Ulrike Bittner. Hinter einer Kloster- oder Wellnesshotelmauer nichts zu essen, sei eben ganz etwas anderes, als dies mitten im prallen Leben zu tun, unter Menschen. Und zwar unter solchen, die das Leben genießen. Noch dazu in einer der anerkannt schönsten Essregionen der Welt. Das, meint jedenfalls Ulrike Bittner, sei nicht nur einmal was anderes, sondern vor allem auch viel intensiver. Deswegen fährt sie in die Provence. Um zu fasten. Und das nicht alleine. Schließlich ist Bittner nicht nur promovierte Organisationspsychologin und Fremdsprachenlehrerin, sondern Vorfasterin. "Ausgebildete Fasten- und Gesundheitstrainerin", steht auf ihrer Visitenkarte. Und auch wenn es immer noch Menschen gibt, die sich bei der Idee, irgendwohin zu fahren, um dort dann eine Woche lang nichts zu essen, an den Kopf greifen, beteuert sie, dass dieses Konzept in den vergangenen Jahren nicht nur immer regeren Zulauf, sondern auch eifrige Nachahmer gefunden habe: Bittners Mutter und ihre "Gesellschaft für Gesundheitsförderung" nehmen für sich in Anspruch, auf non-klerikaler Ebene das Fasten zwar nicht erfunden, aber doch wieder salonfähig gemacht zu haben. Wobei "nichtkirchlich" keineswegs bedeute, dass Nicht-Essen keinen intellektuellen oder vergeistigten Hintergrund habe. Im Gegenteil: Just nach dem Ende der kirchlichen Fastenzeit eine Fastenreise - und diese ausgerechnet nach Aix en Provence - zu veranstalten, habe neben der gesundheitlichen auch eine aufklärerische Komponente: Dem stigmatisierten Dogma der verordneten Enthaltsamkeit sei am besten durch den freiwilligen Verzicht zu begegnen. Und wo, wenn nicht in Frankreich, könne man nach dem fünftägigen völligen Verzicht auf feste Nahrung erleben, wie intensiv Dinge schmecken, deren Wert einem erst durch den Verzicht so richtig bewusst geworden ist. Überdies habe die provenzalische Küche auf Grund ihrer Leichtigkeit und der in ihr so oft gefeierten Schwerpunktsetzung auf Kräuter und pflanzliche Grundstoffe den Vorteil, das sukzessive Wiedereinsteigen in die Welt des Essens nicht zur mühseligen Plagerei und Beilagenklauberei zu machen, erläutert die Nicht-Ess-Expertin. Der ganze Trip dauert acht Tage. Gefastet wird aber nur fünf: "Die Vielfalt der französischen Küche wird niemand vermissen müssen. Ganz im Gegenteil." Durch Fasten, schwört Bittner, lerne man aber nicht nur, Schönes intensiver zu würdigen, auch mit negativen Erfahrungen werde man danach leichter fertig: "Gerade für Menschen in Stressberufen ist es wichtig, Kritik vertragen zu lernen und dabei sensibel und doch nicht allzu leicht verletzlich zu sein." Die feine Ironie, ausgerechnet in ein Renaissancepalais im Zentrum von Aix en Provence zu fahren, sei ihr aber doch erst ein wenig später bewusst geworden, gibt Bittner zu, "aber ich kann mit einer Gruppe nur an einen Ort fahren, den ich kenne." Und in Aix habe sie immerhin einmal fast ein Jahr gelebt. Mitfahren, betont Bittner, könne auf eine Fastenreise nahezu jeder. Ausgenommen Menschen, die abnehmen wollen. Denn: "Das ist keine Crash-Diät." Der Standard/rondo/12/4/02