Anmerkung: Der Artikel entstand aus Anlass der Uraufführung im Rahmen der Viennale 1996. Änderungen wurden keine vorgenommen.

Ruth Beckermann hat im Vorjahr bei der Ausstellung "Vernichtungskrieg" in Wien einen Film gedreht, den die "Viennale" erstmals zeigt: Ein Gespräch über Schuld und Gedächtnis.
Von Bert Rebhandl
Wien - "Es stimmt nicht in der Welt": Dieser Schluß, den eine Frau vor laufender Kamera aus der "Wehrmachtsausstellung" Vernichtungskrieg zieht, ist die redlichste Konsequenz aus einer Konfrontation, die seit über einem Jahr die Feuilletons beschäftigt und die Gemüter nicht nur der Kriegsgeneration erhitzt. Im Vorjahr war die vom Hamburger Institut für Sozialforschung, einem Projekt von Jan Philipp Reemtsma, ausgerichtete Ausstellung, die zuletzt in Kärnten Station hatte und demnächst nach Oberösterreich kommt, schon in Wien zu sehen. Die Autorin und Filmemacherin Ruth Beckermann ( Die Mazzesinsel, Nach Jerusalem, Die papierene Brücke ) begann damals - ziemlich kurzfristig, wie sie im Interview mit dem STANDARD erzählt -, mit kleinem Equipment (Peter Roehsler bediente eine Hi8-Kamera) die Besucher und deren Reaktionen zu filmen. Das Ergebnis waren 46 Stunden Material - eine Fortsetzung der Ausstellung mit filmischen Mitteln? "Ich sehe es nicht als die Fortsetzung der Ausstellung, sondern meiner früheren Arbeiten, die sich mit der Kriegszeit von der Seite der Opfer beschäftigen. Ich hatte schon lange das Interesse, einmal die Geschichte, in der ich den Holocaust - für Europa - als zentrales Ereignis in diesem Jahrhundert erachte, von der anderen Seite zu sehen. Ich wollte normale Österreicher filmen." Konzentriertes Licht Knapp zwei Stunden dauert nun Jenseits des Krieges , eine Montage aus Interviews und Gruppenszenen, aus nur selten heftigeren Debatten und einigen sehr bewegenden Momenten von Erinnerung. "Die Dynamik der Ausstellung hat sich selbst verändert. Die erste Woche war sehr aufregend, auch durch die Medien. Aber das wird schnell unbefriedigend. Ich wollte ruhige Gespräche haben. Wir haben dann einen Tisch aufgestellt, das ist eine andere Konzentration. Man spürt das Neonlicht, die Spitalsatmosphäre." Die Sache, die in dieser "Anhörung" verhandelt wird, ist nicht so sehr das Ausmaß der Wehrmachtsverbrechen vor allem im Rußlandfeldzug als vielmehr die heutige Reaktion auf die Wiederkehr des Verdrängten: "Wir haben vier Versionen geschnitten, aber sofort war mir klar: Jeder kommt einmal dran. Es ging mir um ein Serienprinzip, nicht um individuelle Geschichten. Ich habe mir das vorgestellt wie einen Gemeindebau der 50er Jahre, nicht wie einen der 20er Jahre, wo noch viel gestaltet und eine Aufbruchstimmung wahrnehmbar ist. Die Fotos der Ausstellung wollten wir nicht als Illustration, während der Montage hat sich das herauskristallisiert. Wir sind vom ersten Moment im Raum, sogar die Titel sind, was ich zuvor noch nie gemacht habe, über die Szene drübergelegt." Nüchterne Kälte Selten läßt sich die Filmemacherin auf eine Diskussion ein, etwa, wenn ein Mann aus einer "Soldatenfamilie in der sechsten Generation" allzu selbstgerecht auf seine professionelle Nüchternheit pocht ("Gewissensqualen habe ich nicht gehabt"). Beckermann schneidet auf dieses vielleicht kälteste Statement im Film einen Mann, der immer wieder für Momente von seinen Erinnerungen überwältigt wird. Und wenn wieder einmal ein besonderer Blödsinn aus der historischen Literatur kolportiert wird, dann fragt eine Besucherin aus dem Off leise dazwischen, wie es denn um die Seriosität dieser "Dokumente" bestellt sei. "Das Interessante ist die Überraschung: Auftritt, Abtritt. Man sieht einen Menschen und hat sofort eine Meinung, der Zuschauer und ich in der Ausstellung. Das war für mich sehr schwierig, weil mich manche Aussagen als Frau, als Mensch, als Jüdin beleidigt haben. In der ersten Woche war ich irrsinnig aggressiv, ich habe aber dann gemerkt, daß es zu spät ist für ein Verhör. Ich bin in dieser Stadt geboren, ich habe keine Illusionen über die Österreicher." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 10. 1996)