Ginge es nach Ariel Sharon, dann wäre die zweite Front bereits eröffnet: Israels Sicherheitskabinett war am Mittwoch in der Frage uneinig, ob man auf die massiven Angriffe der Hisbollah an der israelisch-libanesischen Grenze eine adäquate militärische Antwort geben solle. Diejenigen, die für eine Mäßigung eintraten, konnten sich - noch - durchsetzen.

Tatsächlich sprach der Vertreter der UNO-Mission im Südlibanon von der "größten Menge an Munition", die seit 1992 bei einem Hisbollah-Angriff verwendet wurde: 400 Mörser, 25 Panzerabwehr-, sechs Katjuscharaketen. Die Absicht ist leicht zu erkennen. Israel soll zu einem Gegenangriff provoziert werden, möglichst auf syrische militärische Einrichtungen im Libanon, worauf in der jetzigen aufgeheizten Stimmung wiederum Syrien kaum auf eine Antwort verzichten würde.

Angesichts dieser Aussichten ist das Krisenmanagement voll angelaufen: US-Vizepräsident Dick Cheney telefonierte mit Syriens Präsident Bashar al-Assad - allerdings laufen laut Israels Ha'aretz Spekulationen, ob der Einfluss Damaskus' auf die Schiitenmiliz nicht eher am Schwinden sei. Die Zusammenhänge sind nicht ganz klar, aber immerhin ging am Mittwoch die syrische Truppenumgruppierung im Libanon weiter: Aus dem Süden wurde ein Beobachter-Hauptquartier abgezogen.

Auch PLO-"Außenminister" Faruk Kaddumi sagte bei einem Besuch in Beirut, dass die Palästinenser auf die "Hilfe" der Hisbollah keinen Wert legen. Aber der wichtigste Widerstand gegen die Eskalationsversuche kommt aus dem Libanon selbst: Die Aufrufe an die eigene Regierung, endlich libanesische Truppen in den Süden zu schicken, wo die Hisbollah schaltet und waltet, wie sie will, mehren sich. Libanesische Sicherheitskräfte haben zwar in den letzten Tagen Palästinenser festgenommen, von denen sie vermuteten, dass sie über die Grenze etwas gegen Israel unternehmen wollten, aber das ist noch viel zu wenig. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.04.2002)