Als er sich auf die Falltür stellte, bemerkte er mit leiser Stimme: ,So ist das Leben.'" Ned Kelly, der hier 1880 nach einem ebenso brutalen wie historisch verbürgten Showdown mit der britischen Polizei im australischen Melbourne schließlich am Galgen vor seinen katholischen Herrgott tritt, verweist mit seiner Vita nicht nur auf eine große Gestalt der deutschen Literatur, den Michael Kohlhaas. Der Bandit Ned Kelly, der seit seinem Tod vor 122 Jahren über diverse Songs und zahlreiche Filme längst zum folkloristisch verklärten australischen Freiheitshelden aufgebaut worden ist, steht auch in einer anderen großen Tradition. Peter Carey verbreitet einmal mehr ein seit Jahren und Jahrzehnten bewährtes Klischee.Das große und offensichtlich immerwährende Leiden der armen Irenmenschen setzt sich auch dann fort, wenn der Ire dem Elend der Heimat entflieht und in die große weite Welt geht. Zuletzt gelangen Frank McCourt mit seinen Erinnerungsbänden Die Asche meiner Mutter und Ein rundherum tolles Land diesbezüglich Welterfolge. Von diesen dürfte sich das so genannte irische Fach nur mehr schwer erholen. Um Frank McCourt beispielsweise auch noch Roddy Doyle und seinen jüngsten Bestseller Henry der Held an die Seite zu stellen: Das irische Fach wird gern aus der Sicht eines Kindes entwickelt. Zwischen dem Klappern der Bibel- und der Bierdeckel wird hier das Leiden an der Welt und ihren Erscheinungen (Hunger, Durst, Armut, Gewalt) grundsätzlich zwar tragisch geschildert. Der Grundton allerdings bleibt immer heiter und gerät fallweise hochkomisch. Auch Peter Carey macht hier keine Ausnahme. Nur dass der Mann, der immerhin das Drehbuch für Wim Wenders' hochgestochenes und ebenso blutleeres Drama Bis ans Ende der Welt verfasste und trotzdem noch lustig sein kann, in diesem aktuellen Fall den Spieß ein wenig weiter dreht. Der irisch gebürtige Ned Kelly schildert im Gefängnis vor seiner Hinrichtung in einem elendslangen, fiktiven Brief sein wechselvolles Leben unter dem Joch der britischen Krone. Und er behält die kindlich-naive Perspektive bis ins Erwachsenenalter bei - was sich auch in der ungelenken, wuchtigen und beistrichlosen Sprache niederschlägt, wegen der die beiden Übersetzerinnen einiges Blut geschwitzt haben dürften. Lebensgeschichte in Form eines prosaischen Bänkelgesangs für die Tochter, die Ned Kelly, zeitlebens auf der Flucht, nie gesehen hat: " . . . damit du begreifst was für Ungerechtigkeiten wir armen Irländer zu unserer Zeit erdulden mussten." Carey erhielt für seinen Roman über den "Bushranger" Kelly nach Oscar und Lucinda aus 1988 im Vorjahr als neben J.M. Coetzee bisher einziger Autor zum zweiten Mal den begehrten Booker Prize. Eine opulent ausgestattete Neuverfilmung des Ned Kelly-Stoffes wird gerade in Hollywood unter der Mitarbeit des Autors vorbereitet: "Meine liebe Tochter du bist noch zu klein um auch nur ein einziges Wort von dem zu verstehen was ich schreibe aber dieser Bericht ist für dich bestimmt und soll nicht eine einzige Lüge enthalten. Möge ich in der Hölle schmoren wenn ich die Unwahrheit sage." Der Teufel ist immer und überall. (Von Christian Schachinger - Album, 13.04.2002)