Auch an die Europäische Zentralbank sollte der EU-Konvent bei seinen Reformdebatten denken. Die Bestimmung von Direktoriumsmitgliedern der obersten Eurohüterin lädt nämlich die EU-Staaten immer noch ganz besonders zum Postenschacher ein. Das schadet dem Ansehen einer Institution, deren Macht maßgeblich von ihrem integren Ruf abhängt. Nach den europäischen Verträgen müssen die Kandidaten für das EZB-Direktorium von den Staats- und Regierungschefs "einvernehmlich" ernannt werden. Wie dieses Quasi-Einstimmigkeitsprinzip in einer erweiterten EU funktionieren soll, ist rätselhaft. Dazu kommt, dass die Staaten bei der Bestimmung der EU-Kommission reformfreudiger waren. Hier wird durch den Vertrag von Nizza das Mehrheitsprinzip eingeführt. Mühsame Kandidatenkür An diesem Wochenende wurde nun also mühsam ein neuer EZB-Vizepräsident gekürt. Für 2003 steht aber schon der nächste Streit ins Haus. Dabei geht es zuallererst um die Nachfolge Wim Duisenbergs als Bankpräsident: Die Franzosen sind überzeugt, dass ihnen der Posten schon längst zugesagt ist. Doch nun hat Belgiens Finanzminister Didier Reynders als erster öffentlich - wenn auch noch verklausuliert - dagegen argumentiert. Das zweite Schlachtfeld hat Reynders gleich mit vorbereitet: Sein Kontrahent wird Karl-Heinz Grasser heißen. Denn nächstes Jahr wird auch ein einfacher EZB-Direktoriumssitz frei, den Belgien nun beansprucht. Österreich hatte aber heuer unter anderem deshalb nicht weiter auf einer eigenen Kandidatin bestanden, um sie dann 2003 besser durchsetzen zu können. Die Favoritin Gertrud Tumpel-Gugerell könnte nun in einem Dreieckskonflikt zwischen Brüssel, Paris und Wien unter die Räder kommen. Es sei denn, die SPÖ-nahe Vizegouverneurin der Nationalbank wird schon vorher in ihrer Heimat ausgebremst. (Der Standard, Printausgabe, 15.04.02)