Was über vierhundert Jahre geschlafen hat, erwacht nur zögerlich: Das Schloss Neugebäude in Wien war seinerzeit der erste Renaissanceprachtbau nördlich der Alpen. Heute ist es, von Simmering umrankt, die reizendste Hoffnung vieler Denkmalpfleger und eine der gewichtigsten Kulturaltlasten der Nation.
Von Ute Woltron
Dort, wo früher einmal die noch wilde und ungezähmte Donau hohe Sandbänke aufgeschichtet hatte, und wo jahrhundertelang eine breite Aulandschaft die Gegend zerpflügte, liegt heute Wiens stuppigster Stadtteil Simmering. Die Gegend hat eben ob ihrer Zerrupftheit einen ganz eigenen Reiz, sozusagen die fantastischen Qualitäten jener Zonen, in denen Stadt und Land ineinander fließen, und wo noch da und dort Brennnesseln und Disteln rund um Tümpel wild wuchern dürfen. Städtebaulich betrachtet haben Brennnesseln und Disteln heutzutage zwar kein großes Ansehen, doch rein gefühlsmäßig geben sie unheimlich viel her, was vor allem am wildesten und ungekämmtesten Punkt Simmerings sofort klar wird: Hinter dichten Hecken und Dornenröschen liegt hier ein Schloss verborgen, das seinesgleichen auch in anderen Ländern sucht, das über die Jahrhunderte so gut wie vergessen war, und das dieser Tage wachgeküsst werden soll. Ein riesiges Schloss in Österreich, genannt das Neugebäude, auf den Simmeringer Schotterbänken vor über vierhundert Jahren errichtet - das Stein gewordene Gedankengebäude des Kaiser Maximilian II. Heute ist das herrschaftliche Gemäuer zwar noch immer keine Ruine, aber so gut wie unbekannt und der Öffentlichkeit bis dato nicht zugänglich. Die Wunder der ganzen Welt wollte der für seine Zeit ausgesprochen kunstsinnige Maximilian damals in sein Land holen und in diesem Schloss versammeln. Gelehrte aus aller Herren Länder sollten hier ihr Wissen zu Weisheit verdichten, und seltenen Tieren und Pflanzen wollte der Habsburgerspross eine neue, exotische Heimat geben. Doch die Geschichte überholte den klugen Mann, der jahrelang die Reiche Europas bereist und die Bräuche derer von Spanien, derer von Frankreich, derer von Italien studiert hatte, und der aus dem eigenen Barbarenreich einen Hort der Intelligenz, der Künste und des Fortschritts hatte machen wollen. Maximilian starb, bevor sein Schloss vollendet, bevor sein Traum Leben geworden war, und seine weniger feinsinnig veranlagten Nachfahren steckten die Gelder, die der weitsichtige Staatsmann in Klugheit und Wissen hatte anlegen wollen, fürderhin wieder in Rüstungstechnologie und Heereskunst. Das Schloss verkam erst zum Munitionslager, seit langem schon steht es aber leer. In den letzten Jahrzehnten, die im Vergleich zum Alter des Gemäuers freilich nur wenige Momente darstellen, gab es immer wieder vereinzelte Bemühungen, das Ding endlich wieder einer neuen, adäquaten Nutzung zuzuführen. Der Wiener Architekt Carl Pruscha war im Jahr 1973 der Erste, der konkrete aber behutsame Nutzungs- und Sanierungspläne vorlegte. Später kam mit den Expo-Vorhaben und mit Manfred Wehdorn eine akademischere Denkmalpflegerintention zum Tragen, die sogar die gesamte Rekonstruktion des Ensembles vorsah, was allerdings den Kostentopf mit der benötigten Milliarde damaliger Schillinge augenblicklich leck schlug. Ein paar Jahre lang passierte wieder nichts, außer, dass die alten Dächer schließlich undicht wurden und das Gebäude rapide zu verfallen begann. Nun muss zwangsweise ehebaldigst saniert werden, und es stellen sich plötzlich ganz viele furchtbar schwierige Fragen: Wer saniert? Wer zahlt? Wer nutzt? Wie soll genutzt werden? Und man steht vor der Entscheidung: Will man den Versuch unternehmen, dem alten Hause Geist im Sinne Maximilians einzuhauchen, oder soll man das Schloss mangels zur Verfügung stehender öffentlicher Gelder einer schnöden kommerziellen Nutzung zuführen? Da man sich in Wien befindet, wurde vorvergangenes Jahr vom Gemeinderat ein schlichter und gefährlicher Weg eingeschlagen: Man gründete, so wie das Schrebergärtner zu tun pflegen, einen Verein. Der ist gemeinnützig und heißt "Verein zur Erhaltung, Revitalisierung und Prüfung der Nutzungs- und Verwertungsmöglichkeiten des Schlosses Neugebäude", wurde, ebenfalls vom Gemeinderat, mit der ganz ordentlichen Summe von 67 Millionen Schilling dotiert und in Frieden in die Gefilde des Public-Private-Partnership entlassen. Dort verharrt man zurzeit, denn, so Vereinsobmann und Baudirektor Wilhelm Wimmer: "Wir hatten auf unserer Suche nach einem Partner, der Sicherheit und Zukunft für das Gebäude bietet, noch keinen Erfolg." Derzeit werden mit den Vereinsmitteln akut notwendige Sanierungsmaßnahmen unternommen, es werden die Dächer abgedichtet, aus den Mauern wachsende Gebüsche entfernt, der prachtvolle Vorplatz gerodet. Als Zuständigen dafür erkor man nach einer Minimalausschreibung den Denkmalpfleger Manfred Wehdorn. Der ebenfalls lange Jahre mit dem Neugebäude befasse Carl Pruscha war nicht geladen worden, da er, so Wimmer, seine Befugnis ruhend gemeldet hatte. Wehdorn wurde, betont Wimmer, nur als Denkmalschützer, nicht aber als Planer zu Hilfe gerufen: "Was jetzt passiert, ist keineswegs eine Entwicklung des Gebäudes, sondern nur eine Absicherung, und dafür brauchen wir keinen Künstler, sondern einen Denkmalpfleger." Sobald allerdings ein Nutzer gefunden sei, wolle man selbstverständlich einen internationalen, öffentlichen Gestaltungswettbewerb ausschreiben. Mit im Verein sitzt mit Klaus Steiner ein Stadt-Mann, der seine produktiv-subversiven Qualitäten bereits wiederholt unter Beweis stellen konnte, der zwar mit der Vereinsmeierlösung nicht sonderlich glücklich ist, für diesen gewichtigen Stadt-Fall allerdings keine andere Chance sieht. Warum das so sei, liege auf der Hand: "Es ist völlig aussichtslos, dass Wien aus eigener Kraft dieses Projekt finanzieren kann, es muss dringend eine Partnerschaft mit einem Nutzer aufgebaut werden." Da die Stadt sehr schöne und großflächige Latifundien rund um das Schloss besitzt, ergibt sich die reizvolle Möglichkeit für jeden Interessenten, hier quasi doppelt zu investieren, brach liegende Bauländer Hand in Hand mit der Stadtplanung sinnvoll zu nutzen und das ungeheure Potenzial, das eine Marke "Schloss Neugebäude" hätte, auszuschöpfen. Bezirkschef Othmar Brix (SPÖ) ist es zu verdanken, dass das schöne Kind nun langsam wieder einen Namen bekommt. Seine Euphorie, den Schatz Neugebäude mit Ambros-Konzerten und Ähnlichem zu heben, dürfte tatsächlich einiges in Bewegung gebracht haben, und die Pläne, das Schloss endlich öffentlich zugänglich zu machen, können der Entwicklung der "Marke Neugebäude" nur dienlich sein. Allerdings bleibt zu hoffen, dass er die richtigen Berater um sich schart, wie seinerzeit Maximilian. Steiner hofft das auch, denn die Begehrlichkeiten der Planergilde beginnen auch ihn zu überranken. "Die Stadt" so meint er, "muss sich von den alten Hasen lösen und sich endlich des enormen jugendlicheren Architektenpotenzials bedienen. Mich rufen ständig Leute aus dem Altersheim an, doch es gibt unzählige junge Büros, die eine Chance verdienen." Im Hintergrund verfolgt derweilen die B.A.I. mit ihrem Vorstand Maximilian Weikhart aufmerksam das Geschehen: Zu Expo-Zeiten hat der Immobiliengigant etwa 35 Millionen Schilling in diverse Vorstudien, betrieben von Wehdorn, investiert. Weikhart: "Diese Summen stehen in unseren Büchern, und wir werden sie nicht in den Rauchfang schreiben. Wir werden auf unsere Ansprüche aus der Vergangenheit in keiner Weise verzichten und wollen dort Bauträger sein, wie das vor vielen Jahren bereits geplant war." So der Verein in den kommenden eineinhalb Jahren keinen Nutzer findet, geht das nicht verbrauchte Geld allerdings wieder an die Gemeinde zurück, und das Schloss wird wieder in seinen Dornröschenschlaf zurücksinken. Wo bleibt der Prinz? Fortsetzung folgt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14. 2. 2002)