Vor dem Hintergrund der Demonstrationen gegen die Wehrmachtsausstellung stellt sich die Frage: Was wird hier warum abgelehnt? Die deutsche Zeithistorikerin Ulrike Jureit, Mitarbeiterin und Sprecherin des Ausstellungsteams, sprach darüber mit Claus Philipp und Richard Reichensperger.STANDARD: Schon bevor die neue "Wehrmachtsausstellung" im Semperdepot zu sehen war, wurden in Wien Demonstrationen angekündigt. Ist das die Fortsetzung der Verdrängung - ihr Zur-Schau-Stellen im öffentlichen Raum? Jureit: Es hat auch in den ersten Stationen, in Berlin und in Bielefeld, Demonstrationen gegeben. In Berlin waren es ungefähr 1500 Rechtsradikale und einige Tausend Gegendemonstranten. Aber diejenigen, die demonstrieren, gehen in der Regel nicht in die Ausstellung. Es geht gar nicht um eine Auseinandersetzung mit den Inhalten, die in der Ausstellung vermittelt werden. Ich glaube, dass das der Konflikt ist: sich grundsätzlich dem Thema zu verweigern. Man kann keine Ebene der Diskussion finden, weil eine argumentative Ebene gar nicht gewollt ist. STANDARD: 1995 kam mit der ersten "Wehrmachtsausstellung" das unbewältigte Kriegs-thema in die Familien hinein, anders als bei den Bereichen der Beteiligung von Banken und Industrie. Das ist in Österreich schon mit der Waldheim-Affäre passiert: Hier zeigten sich sehr breit aggressive Widerstände gegen das Aufdecken des Vertuschten. Was ist Ihre Erklärung für die Emotionalisierung der Diskussionen seit der ersten Ausstellung? Jureit: Typisch ist ja, dass weder vom Hamburger Institut für Sozialforschung noch von den Ausstellungsmachern eine solche Reaktion erwartet wurde. Die Grundaussage, dass die Wehrmacht als Institution und in Teilen ihrer Gliederung an den Kriegsverbrechen beteiligt war, war 1995 längst historisch gesichert. Es gab aber eine völlige Fehleinschätzung, wie wenig die wissenschaftlichen Erkenntnisse in einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, geschweige akzeptiert waren. Die neue Qualität nach 1995 war, dass hier die Frage im Raum stand: Wie viel wusste die deutsche Zivilbevölkerung? Denn es war klar: Wenn Soldaten fotografiert haben, dann haben sie diese Fotos auch nach Hause geschickt, gezeigt, erzählt. In diesem Moment war eine breite Öffentlichkeit auf einer persönlichen Ebene angesprochen. Das Thema an sich beinhaltet eine Emotionalität, die viele Besucher schon mitbringen, weil sie eine Verbindung des Themas zu sich feststellen oder erahnen. STANDARD: Die neue Ausstellung verlangt viel Lesen. Die erste setzte mehr auf das Bild und stand vor dem mittlerweile notorischen Problem, dass kein Jahrhundert derart über Bilddokumente präsent ist, wie das vergangene, aber dass diese Bilder oft trügen. Kommen wir wieder auf den Text zurück? Jureit: Für ein gewisses Maß an Differenzierung kann es nicht ohne Text gehen. Das Problem ist, dass gerade in der Geschichtswissenschaft der Umgang mit Fotos - etwa im Propaganda- und im Privatbereich - desolat ist. Dass es eine erhöhte Vorsicht im Umgang mit Bildern jetzt gibt, ist dieser ersten Ausstellung und der Debatte zu verdanken. Keine wissenschaftliche Publikation wurde so abgeklopft wie diese. Sie wird aber zu Unrecht oft mit "riesigen Fotos" in Verbindung gebracht: Es gab dort kein einziges davon. Das Fernsehen rückte Fotos heran. Vielleicht sollte man diese neue Ausstellung eher als "historische Dokumentation" bezeichnen. STANDARD: Was war neu in der Vorbereitung? Jureit: Es gab nicht mehr so stark das Gefühl, wir müssten einen Beweis liefern. Die Verstrickung der Wehrmacht in Verbrechen im Osten ist bewiesen. Wir wollten also stärker eine Situation aufblättern. Und zwar nicht aus der Perspektive: Zuerst zeigen wir, was alles an Verbrechen geschehen ist, und dann zeigen wir die Guten. Sondern: Es gab Handlungsspielräume in die eine und die andere Richtung - Handeln über den Befehl hinaus, aber auch Versuche, sich dem zu entziehen, was gelingen konnte oder nicht. Wir versuchen, verschiedene Formen der Rezeption zu ermöglichen: Über Textdokumente, Fotos, Film, PC-Stationen. Verschiedene Formen der Ansprache, um verschieden in die Tiefe zu gehen. STANDARD: Gleichzeitig wurde viel Emotionalität weggenommen. Es beginnt mit Völkerrecht, was einen herkömmlichen Ausstellungsbesucher wohl weniger interessiert. Ist die Gefahr nicht, dass es jetzt zu gelehrt kommt? Jureit: Sicher sind Völker- und Kriegsrecht von der Sprache her schwer runterzudeklinieren in den Alltag. Aber wir wollen sagen: Es geht nicht darum zu zeigen, dass Kriege immer schrecklich sind. Das Thema ist auch nicht der Vernichtungskrieg im Osten, denn dann müsste man ein riesiges Kapitel über die SS-Einsatztruppen machen, über die Gestapo usw. Sondern: die Beteiligung der Wehrmacht innerhalb von Rahmen, die bewusst verschoben wurden. STANDARD: Also, dass die Wehrmacht von Beginn an bereit war, geltendes Recht zu brechen, in Aushungerung, Plünderung, Erschießungen von Zivilbevölkerung, auf breiter Ebene? Jureit: Was in der Ausstellung zu sehen ist, sind keine Exzesstaten. Schon im Jahr vor dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. 6. 42 lief die zentrale Planung des Heereskommandos: Wir sind uns darüber bewusst, dass wir in diesem künftigen Krieg geltendes Recht außer Kraft setzen und damit einen Freibrief für Verbrechen an Zivilisten liefern. STANDARD: Die Ausstellung zeigt aber, dass der "kleine Soldat" immer wieder vor Entscheidungen stand und kleine ethische Spielräume hatte. Haben Sie dazu Reaktionen? Jureit: Wir haben zu der zweiten Ausstellung sehr wenig Reaktionen von ehemaligen Wehrmachtsangehörigen. In Deutschland ist die Situation aber auch prinzipiell anders, weil die ehemaligen Soldatenverbände im politischen Leben eine wirklich minimale Rolle spielen. STANDARD: In Österreich dominiert, vom "Krone"-Herausgeber und Kriegsteilnehmer Hans Dichand mitgetragen, die Stimme der Verbände. Dabei könnte doch der Einzelne sagen, innerhalb des soldatischen Kodex gab es eben Handlungsspielräume. Jureit: In einem profil-Artikel las ich: Es sagen schon einige, ja, es habe Erschießungen gegeben, das habe man selbst gesehen. Aber jetzt sei man beleidigt. Es gibt keine Reflexion darüber, in welcher Situation war ich eigentlich, was hab' ich erlebt, wie habe ich mich verhalten? Die Ablehnung läuft seltsamerweise über die Identifikation mit dem großen Ganzen, mit der Institution Wehr-macht. Es tritt nicht der Effekt ein, dass man sagt: Ich, der ich gezwungen war, Soldat zu sein, überlege zwei Seiten: auf der einen Seite, was habe ich gemacht. Auf der anderen: Was hat denn die Generalität für eine Kriegsplanung gemacht. Da wäre ja Kritik möglich: Die haben mich in diese Situation gebracht, ich bin ja nicht freiwillig hingegangen! STANDARD: Guido Knoops Dokumentationen hingegen - wie "Hitlers Frauen", "Hitlers Generäle" - laufen ja gerade deshalb ohne Demonstrationen, weil sie die Verantwortung vom kleinen Mann wegrücken. Jureit: Auch in der Geschichtswissenschaft dominierte relativ lange die Elitenforschung: Verstrickung der Industrie, Ärzte, der Justiz. Aber der Aspekt der breiten Bevölkerung wurde offenbar erst durch das Wehrmachtsthema in Gang gesetzt. 50 Jahre nach Kriegsende. In der zweiten Ausstellung beobachten wir, dass es viele Besucher gibt der zweiten Generation, also der Kinder, die nach Vätern, Großvätern, Onkel usw. fragen, weniger die erste Generation. Interessant ist auch das Dauerargument: "Die Gegenseite wird nicht gezeigt." - Das stimmt nicht: Gerade im Partisanenkrieg-Kapitel etwa geht es um die Frage, wie Gewalt und Gegengewalt einander hochschaukeln. STANDARD: Haben Sie das Gefühl, dass die Polarisierung in der Rezeption etwas aufbricht? Jureit: Bisher gibt es diese Polarisierung bei den Besuchern als auch in der Presse so nicht mehr. In der FAZ wurde gefragt: Wird hier Konsensgeschichte gezeigt? Das trifft den Punkt momentan sehr gut. (D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 15.4. 2002)