Wien - Boehringer-Ingelheim F & E-Chef in Wien, Dr. Wolfgang Rettig, setzt mit seinen an die 200 Mitarbeitern auf eine breite Basis bei der Suche nach neuen Anti-Krebs-Medikamenten: "Die traditionelle Pharmaindustrie hat sich natürlich auf synthetisch herstellbare kleine Moleküle konzentriert. Hier hat sie viel Expertise. Doch es gibt mittlerweile eine ganze Reihe an Biotechnologie-Proteinmolekülen, die einen klaren klinischen Nutzen für die Patienten haben." Dabei wären dringend neue Medikamente gegen bösartige Erkrankungen notwendig. Rettig: "Unbestreitbar gibt es einen hohen Therapiebedarf. Nur rund die Hälfte aller malignen Tumorerkrankungen kann heute geheilt werden. Vor zehn bis mittlerweile schon 20 Jahren ist eine Revolution in der Tumorforschung los gegangen. Jetzt ist die Zeit da für die Entwicklung von neuen Behandlungskonzepten, die aus dieser Forschung kommen." Gezielte Wirkung gegen Zellen Der Vorteil, der sich für die Entwicklung von neuen und wirklich ursächlich gegen die bösartigen Zellen wirksamen Arzneimitteln aus den neuen Erkenntnisse ergeben dürfte: "Es ergibt sich das Bild, dass die verschiedenen Tumorerkrankungen im Wesentlichen die Manifestation ähnlicher oder gleicher Grundstörungen sind." Diese offensichtlichen Gemeinsamkeiten der an der Entstehung von bösartigen Tumoren beteiligten Zellen würden aber auch über die Einzelerkrankung hinaus gehende Behandlungskonzepte erlauben. Der Forschungsansatz von Boehringer Ingelheim fokussiert die Beeinflussung der Signal-Weiterleitung von der Zelloberfläche zum Zellkern, insbesondere die Beeinflussung der Weiterleitung des Signals, das eine Stimulierung des Rezeptors für den Epidermal Growth Factor (EGF) auslöst. Hier geht es um die Kontrolle von Kinasen (Enzymen), die eine entscheidende Rolle in der Zellteilung spielen. Beeinflussung des Vascular Endothelial Growth Factor Prinzip her breit einsetzbar wären auch Arzneimittel, die den Vascular Endothelial Growth Factor (VEGF) bzw. seine Rezeptoren beeinflussen. Diese "Schiene" ist für die Entstehung von neuen Blutgefäßen in Tumoren (Angiogenese) wichtig. Der Nachweis einer klinischen Wirksamkeit bei Patienten steht aber noch aus. Aus dem Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien kommen Forschungen zu den Separase-Enzymen. Sie sollen gewährleisten, dass sich Zellen immer symmetrisch teilen. Läuft hier etwas schief, können bösartige Zellen entstehen. Monoklonale Antikörper Was der deutsche Pharmakonzern bereits in fortgeschrittener Erprobung an Krebspatienten hat: Einige monoklonale Antikörper, die sich gegen Zielstrukturen auf Krebszellen richten. Mit "Herceptin" bzw. anderen monoklonalen Antikörpern in der Krebs- und Transplantationsmedizin hat gerade dieser Zweig der Pharmaforschung der jüngeren Vergangenheit einen enormen Aufschwung genommen und zu besseren Behandlungsmöglichkeiten geführt, auf welche die Wissenschafter viele Jahre lang warteten. (APA)