dieStandard.at: Was kritisieren Sie am Entwurf des Bundesgesetzes über die Organisation der Universitäten und ihre Studien (Universitätsgesetz 2002) hauptsächlich? Christian Wessely: Es gibt viele Kritikpunkte, leider mehr als solche, über die Konsens herrscht (daher auch die Meinung, dass ein vollkommen neuer Entwurf leichter erzielbar waere als die Reparatur des vorliegenden). Die zentralsten Kritikpunkt sind für mich: Die Universitaet wird durch die Zusammensetzung des Universitätsrates und dessen zu grosse operative Kompetenz sowie durch die Mechanismen, die für die Budgetzuteilung vorgesehen sind, zu einem politisch steuerbaren Instrument. Die Kernaufgabe der Universität verlagert sich zusehends vom "Ort der Wissenschaft und Weisheit" zu einer "Fertigungsanlage von Absolventen in wirtschaftsoptimierter Form" - die Steuerungsinstrumente, die für Evaluierung und in weiterer Folge Ressourcezuteilung vorgesehen sind, nehmen kaum Rücksicht auf Wissenschaftsdisziplinen, die zwar gesellschaftlich, kulturell und sozial relevant sind, aber keinen direkt messbaren "wirtschaftlichen Erfolg" aufweisen. Der bisher einigermassen ausdifferenzierte Mittelbau wird unterschiedslos zusammengemanscht; die Qualifikation "Habilitation" (immerhin die höchste akademisch mögliche) entwertet. dieStandard.at: Das Ziel "Gleichstellung von Frauen und Männern" (§36 - §39) soll unter anderem durch Arbeitskreise für Gleichbehandlungsfragen erreicht werden. Diese müssen von den jeweiligen Senaten eingerichtet werden. Inwieweit sehen Sie das Ziel durch die geplanten Maßnahmen erreichbar? Christian Wessely: Im Entwurf sind Ansätze vorhanden, die in die richtige Richtung weisen, aber praxisfremd und halbherzig sind. Allein die Tatsache, dass der AK Gleichbehandlung vom Senat beschickt wird, der jedoch wiederum von o.Professoren und damit männlich dominiert wird, ist ein praktischer Fallstrick (der Anteil von Frauen an O.Professuren ist nach wie vor sehr gering!) Weiters muesste ein Arbeitskreis mit weitreichenderen Kompetenzen, wenn nicht gar mit direktem Interventionsrecht ausgestattet sein. dieStandard.at: Im Entwurf ist von Arbeitskreisen für Gleichbehandlungsfragen, Frauenförderungsplänen, von Gleichstellung, Frauenförderung und Gender-Forschung die Rede (z.B. §17). Welche Chancen und Gefahren sehen Sie (v.a. auch aus Ihrer Universitäts-Erfahrung heraus) bei der möglichen (Nicht?)Umsetzung? Christian Wessely: Die einzige Gefahr ist die einer halbherzigen Lösung. Und wenn -zig Papiere noch so wundervoll formuliert sind - wenn Gleichstellung nicht in den Köpfen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stattfindet, findet sie gar nicht statt. Auch das ist ein Grund fuer eine noch festere Verankerung eines AK Gleichbehandlung bzw. für den Ausbau seiner Kompetenzen: Wenn ein Gremium nicht tätig werden kann, verschiebt sich der Argumentationsschwerpunkt allzu oft vom Rationalen ins Emotionale und die Energie wird für relativ unwichtige Randanliegen verpufft, während sie in den Kernbereichen dringend einzusetzen wäre ... dieStandard.at: Welche Möglichkeiten sehen Sie für Studierende, die gegen die geplante UniStG-Umsetzung sind, aktiv zu werden? Christian Wessely: In erster Linie über Information! Weiss ihr Sitznachbar in der Vorlesung, die Sitznachbarin in der Mensa, was durch diesen Entwurf auf sie zukommen könnte? Wissen ihre Eltern, ihre Verwandten, was für Folgen dieses Universitätsgesetz hat? In zweiter Linie durch Teilnahme am Streik am 24.4.! Und natürlich durch die Kundgabe der eigenen Meinung bei den zuständigen Leuten im Ministerium - die haben alle E-Mail! Zusammenfassend möchte ich sagen: Die österreichische Universitätslandschaft braucht natürlich Reformen. Aber wir dürfen diese große Chance nicht dadurch ihres Potential berauben, dass wir eine "Flickwerk" von Gesetz beschliessen, das dann in mühevoller Kleinarbeit und über lange Zeit hinweg saniert werden muss. Machen wir doch keine halben Sachen, sondern welche, die Hand und Fuss haben!