"Ansprüche und Anforderungen an die berufliche Arbeit sind gestiegen und zwar in allen Bereichen: Ich will mich in der Arbeit selbst verwirklichen, aber auch mehr Gehalt und mehr Arbeitsplatzsicherheit", resümiert Paul M. Zulehner die österreichischen Ergebnisse der Europäischen Wertestudie. Die hohe Bedeutung von mikrosozialen Lebensfeldern wie Familie oder Arbeit hat weiter zugenommen, aber auch die Freunde werden immer wichtiger. Mit einem Wort: Die künstliche Trennung der Ansprüche an den Beruf und der Ansprüche an das Leben sind nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Wer sich das neue Verständnis von Karriere, das die New-Economy-Kultur zutage gefördert hat, zu Eigen machen und davon profitieren will, der sollte zunächst eines tun: den alten Karrierebegriff intellektuell und emotional entsorgen.

Dieser alte Karrierebegriff, den die 80er-Jahre mit der aalglatten Gattung der Yuppies perfekt visualisiert haben, beruhte auf den folgenden Prinzipien:

  • Karriere ist grundsätzlich ein jahrelanger Prozess des Hochkletterns in starren Hierarchien, den besonders Geschickte eben besonders schnell absolvieren.
  • Karriere hat einen Anfang - nämlich das Ende der Ausbildung bzw. des Studiums
  • und ein Ende - nämlich den Ausstieg aus dem Berufsleben mit Erreichen des gesetzlichen Pensionsalters. Und dazwischen geht's linear bergauf
  • oder gar nicht.
  • Karriere ist eine Frage der generalstabsmäßigen Planung: je größer der Input an formalen Qualifikationsnachweisen, desto größer der Output in Form des Aufsteigens auf der Karriereleiter.
  • Karriere ist unvereinbar mit anderen Lebensschwerpunkten: Wer Karriere machen will, muss sich voll darauf konzentrieren
  • und darf sich nicht darüber beschweren, dass Familie oder persönliche Neigungen zu kurz kommen.
  • Karriere ist ununterbrechbar: Wer einmal damit anfängt, Karriere zu machen, muss stetig weiterklettern - sonst ist er ein für allemal aus dem Spiel.
  • Karriere ist ein Konkurrenzprojekt, in dem man laufend gegen andere kämpft. Zusammenarbeit mit anderen schwächt die eigene Position.

Dieses Karrieredenken hat im Zeitalter der vernetzten Wissensökonomie keine Zukunft und auch keinen Rückhalt im Lebensstil der Menschen. Das alte Karrieredenken aber ist mit den Spielregeln der Wissens- und Dienstleistungsökonomie nicht vereinbar.

Mehr Selbstständigkeit, mehr Persönlichkeit, mehr Kommunikation, mehr Wettbewerb, mehr Veränderungsbereitschaft: Wer sich auf die neuen Spielregeln der Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft einlässt, hat mehr Chancen denn je, dass sich seine persönlichen Anforderungen an Arbeit - Selbstverwirklichung, Spaß, Sinnfindung - erfüllen.

Der deutsche Publizist Peter Felixberger gibt ein treffendes Beispiel für die Patchwork-Biografie der Zukunft: "Ausbildung und Schule bis 22, erste Erwerbsarbeitsphase bis 27, dann ein Jahr Sabbatical, dann bis 33 zweite Erwerbsarbeitsphase und Übergang in eine sechsjährige Familienphase, darauf Einstieg in die erneute Erwerbsarbeit mit einer Zusatzausbildung, mit 48 dann ein Turnaround mit beruflicher Neuorientierung schließlich ein weiteres Sabbatical und ein Hineingleiten in den Altersruhestand ab 59, in dem ganz Unruhige immer wieder Beschäftigungsetappen suchen."

Viele Menschen stellen sich nun Fragen wie "Wie soll ich das alles schaffen?", "Wie vereinbare ich die neuen Spielregeln mit meinen Selbstverwirklichungswünschen?" oder "Wie sichere ich angesichts des kontinuierlichen Wandels und der laufenden Veränderung meine Existenz?" - Diese Fragen entspringen dem alten Karrieredenken. Lesen Sie in unserer nächsten Ausgabe, welche neuen Karrierefragen zum Ziel führen. (D ER S TANDARD , Printausgabe)