Endlich habe Reykjavík Fußball und eine Universität, Kinos und Homosexualität, spottete Halldór Laxness 1925. Gerade war er, 23jährig, aus Europa zurückgekehrt, hatte Strindberg, Freud und Weininger entdeckt, war fasziniert von der Weltstadt Berlin. Der Frühreife wurde zum ersten Berufsschriftsteller Islands. Die rasante Modernisierung der ländlichen Gesellschaft übersetzte er in das Medium Literatur, schockierte mit experimentellen Formen und brach mit der populären Erbauungsliteratur, die das Landleben pries und die Stadt als Ort der Sünde vorführte. Laxness dagegen sog auf, was das 20. Jahrhundert an Neuem bot. Als junger Mann trat er vom "halbherzigen" Protestantismus zum Katholizismus über und in das Benediktinerkloster Clervaux in Luxemburg ein - das Christentum schrieb er sich später im Roman Der große Weber von Kaschmir "vom Leib". In Hollywood, ausgerechnet, begegnete er Upton Sinclair und dem Sozialismus. Zurück in Island schilderte er schonungslos das Leben der bettelarmen Fischer und Bauern. Scharf wandte er sich gegen die Romantisierung der bäuerlichen Welt des Norwegers Knut Hamsun. Entgegengesetzte Lager wollten den Sozialkritiker für sich vereinnahmen, sogar die deutschen Nationalsozialisten, der aber hatte sich entschieden: für den Kommunismus.Wie viele isländische Intellektuelle protestierte er gegen den NATO-Beitritt seines Landes, das erst 1944 unabhängig geworden war - Atomstation (1948) enthält beißende Kritik am Kalten Krieg und am Nachkriegskapitalismus. Amerikanische Zeitungen schäumten, als der "Antiamerikaner" 1955 den Nobelpreis erhielt; daheim wurde Laxness zum Nationalhelden. Schon während des Kriegs hatte er die Auseinandersetzung mit Identität und Geschichte Islands begonnen. Gerpla, ein Stoff aus den Sagas, geriet bei Laxness zur Absage an Gewalt und Heldentum. Tief entsetzt von den Enthüllungen über Stalins Verbrechen wandte er sich im Spätwerk von aller Ideologie ab und einem abgeklärten, skeptischen Humanismus zu. Als Kind habe er, erinnerte sich der Erzähler, auf dem Boden liegend das Ohr auf die elterliche Tretorgel gelegt - so habe er die Töne besser gehört. Zeit seines Lebens blieb Laxness fasziniert von Klängen, er liebte Musik, aber auch die Rhythmen der Sprache, hielt das Eigentümliche in der Rede der Menschen fest, nahm sich Freiheiten mit Syntax und Orthographie. Das Kauzige, Knorrige, Störrische seiner Figuren prägte seinen Stil, der mit Elementen der klassischen isländischen Dichtung spielte, die er als Kind von seiner Großmutter gehört hatte. Nur ein kleiner Teil des Oeuvres - 60 Bände mit Prosa, Lyrik, Theaterstücken - wurde, allen Schwierigkeiten zum Trotz, übersetzt. Im Februar 1998 starb das "Genie der Trockenheit", wie Heinrich Böll ihn nannte. Laxness' 96 Lebensjahre spiegelten die Identitätsfindung einer jungen alten Nation, deren Mentalität er erfasste und prägte. Was er schrieb, wurde Teil des isländischen Selbstverständnisses: Laxness war der letzte Nationaldichter der westlichen Welt. (Von Johann Kneihs - Album, 20.04.2002)