Wien - Hosenträger unterm Sakko, aufgekrempeltes Anzughosenbein - Wolfgang Rauh fährt auch im Businessoutfit mit dem Fahrrad zur Arbeit. Täte es dem Spezialisten vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) jeder zweite Kurzstreckenautofahrer gleich, gäbe es jährlich: 2000 weniger Verkehrsunfallverletzte, 840 weniger Todesfälle wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eine Milliarde Euro weniger an Krankheitskosten. Die entsprechende Studie wurde Montag in Wien präsentiert.

Laut VCÖ ist jeder zweite Weg, für den ein Auto gestartet wird, kürzer als 3,5 Kilometer. Pro Tag legt ein durchschnittlicher Lenker zwei solcher Kurzstrecken zurück. Radeln ist nicht nur gesünder, sondern - zumindest im großstädtischen Bereich - auch meistens schneller. Zur publicityträchtigen Untermauerung dieser Behauptung trat Verkehrsminister Mathias Reichhold (FP) zum Rennen gegen seinen Chauffeur an, vom Verkehrsministerium in Wien-Landstraße zur Pressekonferenz am Michaelerplatz in der Innenstadt: Reichhold radelte 11 Minuten, 28 Sekunden. Sein Chauffeur war fünf Minuten später noch mit Parkplatzsuchen beschäftigt.

Die Annahme, dass Radfahren besonders gefährlich ist, sei grundfalsch, sagte Rauh. Pro Stunde sei das Verletzungsrisiko beim Skifahren etwa zehnmal höher. Die VCÖ-Aktion "fahr' rad!" hat auch eine Bauchbotschaft: eine 70 Kilo schwere Person verbrennt bei 30 Minuten Radfahren mit 20 km/h etwa 300 Kilokalorien - das entspricht einer extradicken Extrawurstsemmel oder einem Krügel und einem Seidel Bier.

Im Schnitt werden in Österreich pro Person und Jahr 194 Kilometer radgefahren. In den Niederlanden sind es 841 (flache) Kilometer. Sollten sich die heimischen Gepflogenheiten wider Erwarten den Oranjes anpassen, wäre die bestehende Fahrradinfrastruktur allerdings heillos überlastet. Und daran könnte auch Reichholds Sportsgeist nichts ändern, denn für neue Fahrradwege fehle dem Bund erstens Geld. Zweitens sei das Ländersache. (simo)


(DER STANDARD, Printausgabe, 23.4.2002)