Ungarns Sozialisten (MSZP) und Freidemokraten (SZDSZ) haben am Montag ihre Fühler zueinander ausgestreckt, um möglichst rasch Koalitionsverhandlungen einzuleiten. Die Stichwahl am Sonntag brachte aber noch gehörige Dramatik in den ungarischen Wahlprozess. Die konservativen Jungdemokraten (Fidesz) des scheidenden Ministerpräsidenten Viktor Orbán kehrten den Trend der ersten Runde am 7. April um. Dass es sich am Ende doch nicht ausging, war dem Umstand zu verdanken, dass MSZP und SZDSZ einen ausreichenden Vorsprung aus der ersten Runde mitbrachten und da sie auch die Wahlarithmetik nach dem Scheitern der rechtsextremen MIÉP von István Csurka ein wenig begünstigte. Alles auf eine Karte Orbán hatte vor der Stichwahl alles auf eine Karte gesetzt. Mit einer massiven national-populistischen Demagogie, die nicht einmal vor offensichtlichen Verleumdungen des politischen Gegners zurückschreckte, rüttelte er vor allem die Bevölkerung im ländlichen Raum auf. Seine Kampagne konzentrierte sich auf rurale Gegenden, in denen die ohnehin hohe Wahlbeteiligung in der ersten Runde deutlich unter dem Landesschnitt lag und in denen der sozialistische Kandidat sicher zu führen schien. Vor allem in Süd- und Ostungarn gelang es Orbán auf diese Weise, Erstrunden-Ergebnisse völlig umzudrehen. Mit 188 Mandaten kann die Wahlallianz von Fidesz und Demokratischem Forum (MDF) dennoch keine Regierung mehr bilden. Die Sozialisten mit 178 und die Freidemokraten mit 20 Mandaten sind allein koalitionsfähig, zumal Orbán und der SZDSZ-Vorsitzende Gábor Kuncze vor und nach den Wahlen eine Fidesz-SZDSZ-Koalition kategorisch ausschlossen. MSZP vermutlich stärkste Fraktion Wahrscheinlich wird die MSZP die stärkste Fraktion im neuen Parlament sein, denn das Wahlallianz-Abkommen zwischen Fidesz und MDF erlaubt es dem kleineren Partner, eine eigene Fraktion zu bilden. Allem Anschein nach werden die 24 gewählten MDF-Abgeordneten von diesem Anrecht Gebrauch machen. Dramatik kam in der Wahlnacht auch deswegen auf, weil sich im Fidesz-Wahlzentrum zunächst der Fidesz-Vorsitzende Zoltán Pokorni aufs Podium schwang: "Noch ist nicht entschieden, ob die bürgerliche Kraft die Wahl gewonnen hat." Er stellte zahlreiche Wahlanfechtungen und Neuauszählungen in Aussicht, die das Ergebnis noch umkehren könnten. Tatsächlich wurden zwei Wahlkreise mit hauchdünnen Vorsprüngen von fünf bzw. 14 Stimmen entschieden, je einer ging an die MSZP und an Fidesz. Letztlich war es Orbán, der für klare Verhältnisse sorgte. "Gratulieren wir den Siegern, und verneigen wir uns vor dem Wählerwillen", schärfte er den konsterniert dreinblickenden, meist jugendlichen Sympathisanten im Wahlzentrum ein. Jener Mann, der wie keiner vor ihm die ungarische Gesellschaft gespalten hat, um seine Macht zu bewahren, akzeptierte in einer gewiss bitteren Stunde die Grundregel der Demokratie: Wer verliert, geht. Péter Németh, der Chefredakteur der Tageszeitung Népszava, die die Orbán-Regierung vier Jahre hindurch an ihren Schwachstellen gegeißelt hatte, schrieb am Montag anerkennend: "Orbán hat sich an diesem Abend zu einem wahrhaft großen Politiker gewandelt. Er hat sich verhalten wie ein wirklicher Demokrat." (DER STANDARD, Printausgabe, 23.4.2002)