Dramatische Figuration: Früher hat der gebürtige Isländer Erró Propagandabilder u.a. in berühmte Gemälde der Kunstgeschichte eingeschrieben, jetzt wirbelt er Comics durcheinander: "Disney Tornade", 2001

Foto: Hilger/Katalog
Wien - Das so genannte Neue formierte sich ständig, auch Anfang der 60er-Jahre, als die US-Pop-Art mit Themen aus Alltag, Werbung und Comic dem abstrakten Expressionismus den Kampf ansagte. Parallele Strömungen gab es auch in Europa, besonders in Frankreich. Der Allmacht der informellen wie kinetischen Abstraktion stellte sich etwa der Nouveau Réalisme. Die gesellschaftliche Realität in die Arbeiten zu integrieren war das Bestreben von Künstlern, das unter dem Titel "Narrative Figuration" erstmals mit 68 Künstlern ausgestellt wurde - natürlich in den 60er-Jahren. Politik, Konsum, Sex und Medien, mit einer Erzählung, einem Kommentar angereichert. Mit einigen Ausnahmen erinnern sich die nun rund 70-jährigen Maler auch stilistisch heute noch gerne an gestern. Derzeit zu sehen in der Galerie Hilger, wo der ehemalige Mumok-Direktor Lóránd Hegyi eine museale Schau zur "Figuration narrative" zusammengestellt hat. Hilger wollte die bis heute im Schatten der weitaus besser promoteten US-Pop-Artisten stehenden Künstler als Gruppe wieder zeigen. Le fruit bezieht sich bei Bernard Rancillac (im Katalog) auf einen pornografisch angehauchten, kitschigen Akt, andere Frauenbilder driften nicht so ins Peinlich-Abgeschmackte. Ernst Hilger verweist auf diese Generation, die aus dem Umkreis der Pariser Kunsthistorikerin Catherine Millet stammt, die kürzlich mit ihrem Roman Das sexuelle Leben der Catherine M. international Bestseller-Höhen erklomm. Peter Klasen wiederum mischt Erotik mit Maschinenästhetik. Bedrohung in der Mediengesellschaft, Repressionen autoritärer Regimes sind Themen von Jacques Monroy auf blautonig-düsteren Bildschirm-Bildern. Gérard Fromanger ist der einzige, der stilistisch neue Wege gegangen ist: In seinem Bastille -Zyklus vermischt er formale Spielereien mit weit interpretierbaren Andeutungen von Menschenmassen, Demos, Schlägereien. Die Comic-Schiene bedient Erró, der früher Agitprop-Bilder mit Kunstgeschichte kurzschloss. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 4. 2002)